Sonntäglich grüßt Teamchef Stastny. Der ulkige Slowake hatte schon wiederholte (Kurz)Auftritte in dieser Anekdotenserie und auch heute bleibt unsere Geschichte nicht frei von einem... Anekdote zum Sonntag (19) – X-Large-Buffy
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zoom_vfb-stuttgartSonntäglich grüßt Teamchef Stastny. Der ulkige Slowake hatte schon wiederholte (Kurz)Auftritte in dieser Anekdotenserie und auch heute bleibt unsere Geschichte nicht frei von einem komödiantischen Beitrag des österreichischen Rekord-Teamchefs. Stastnys Schwejk-Schwenke werden trotzdem außenvorgelassen: Sein aktueller Anteil ist viel gewöhnlicher und harmloser als man meinen möchte. Der Pressburger mutierte nämlich einst zum Namensschöpfer indem er seinem Schützling Johann Ettmayer die Bezeichnung verpasste, unter welcher ihn heute die gesamte deutschsprachige Fußballwelt kennt: Man schrieb das Jahr 1966 und Ettmayer hatte gerade seinen Ausbildungsverein, die Wiener „Veilchen“, verlassen um seine Profikarriere bei Wacker Innsbruck so richtig anzukurbeln. Damals war er einfach nur der „Hans“ aus Ottakring, doch das sollte sich bald ändern. Denn Neo-Coach Stastny verpflichtete sich der altrömischen „nomen est omen“-Weisheit und machte aus dem Wiener einen „Buffy“: Ein tschechisch-verballhorntes „Dickerchen“. Denn Ettmayers Vorlieben für fettige Saucen, Wiener Mehlspeisen und ein ausgedehntes Gabelfrühstück waren selbst unter dem Fußballtrikot gut erkennbar. Wo andere Spieler mit Stolz einen antrainierten Sixpack herumführten, registrierte man bei dem Mittelfeldspieler den berüchtigten Backhendlfriedhof im Anfangsstadium. Böse ist der Ex-Spieler seinem einstigen Trainer aber wahrlich nicht. Der Wiener Kicker weiß: „Ich muss dem Stastny doch dankbar sein. Den Hans Ettmayer kennt doch kein Mensch. Aber wenn ich sage „Buffy“, wissen alle Bescheid. Der „Buffy“ ist legendär.“

„Buffy“ liebte Schaumrollen so sehr, dass er bald selbst eine wurde. Das war nicht tragisch, den er war eben nicht nur ein begeisterter Gourmet und Gourmand sondern auch ein super Fußballer. Im Käfig hatte er das notwendige technische Rüstzeug gelernt, ehe er schon als Kind zur Wiener Austria stieß. Das Talent fand in Ex-Wunderteamspieler und nun mehr Nachwuchsleiter „Tscharry“ Vogel einen besonderen Förderer und machte sich rasch zu einem Thema für die erste Mannschaft. Mit achtzehn Jahren debütierte er und erzielte gleich den Siegestreffer für die Violetten bei einem Grazer Auswärtsspiel. Danach ging die Reise nach Innsbruck, wo Ettmayer auf Stastny traf. Jahre später gestand der Stürmer: „Er war der beste Trainer, unter dem ich je gespielt habe.“ Die Zusammenarbeit trug Früchte: „Buffy“ avancierte dank seines Pferdeschusses und seiner käfiggeprägten Tricksereien zum Publikumsliebling, schoss Wacker zum ersten Cupsieg und holte als fast 25-Jähriger die erste Meisterschaft nach Tirol. Sein nächster Coach wurde Branko Zebec. Der Trainingsstreber aus Kroatien lotste das Schwergewicht nach Stuttgart, doch selbst seine ausgedehnten Dauerläufe schafften es nicht aus „Buffys“ einen Modellathleten zu zaubern.

Die Schwäbische Presse titelte: „Buffy – Jumbo-Jet von Stuttgart“ und meinte es als Kompliment. Denn schließlich schoss der Wiener im Jänner 1974 das zehntausendste Bundesligator und bekam dafür einen ewigen Platz in den Chroniken der deutschen Bundesliga zugewiesen. Auf seinen 1,72 Meter verteilten sich gut und gerne 85 Kilogramm, doch Ettmayer war das eigentlich immer egal. „Spiel‘ ich gut, dann hab ich abgenommen. Spiel‘ ich schlecht, dann hab ich zugenommen.“, durchschaute er schon bald den Rhythmus der Sportberichterstattung. Die Schmähkugel mit Bombenschuss und einer ordentlichen Portion Humor („Schließlich bin ich ja auch der einzige Österreicher, der seinen Rucksack vorn trägt.“) ließ sämtliche Frotzeleien an sich abprallen. Er wusste, was er konnte und doch zählte er zu einer Randgruppe im Profisport. Denn die „kleinen, dicken Müllers“ oder Kugelblitze vom Kaliber eines Ailtons müssen sich oft Kommentare anhören, wenn die Leistung nicht stimmt.

1974 strich VfB-Trainer Albert Sing den österreichischen Mittelfeldmotor kurzfristig vor dem HSV-Spiel aus dem Kader: „Du spielst heute nicht, du bist zu dick.“, ließ er „Buffy“ wissen. Ettmayer konterte mit dem Hinweis, dass er sich diesen Vorwurf bereits vom zwanzigsten Übungsleiter anhören müsste: „Trainer, ich war immer so.“ „Nein, es gibt Bilder von dir, auf denen du dünner bist.“, widersprach Sing. Darauf Ettmayer: „Die wurden wahrscheinlich mit einer Schmalfilmkamera gemacht.“ Die Mannschaftskollegen zerkugelten sich im wahrsten Sinne des Wortes, Sing fand es weniger komisch und brummte dem Mann mit dem Hammerschuss eine 1000-Mark-Geldstrafe auf. Doch seinen Humor ließ sich „Buffy“ von niemandem streitig machen. Nach der Niederlage gegen den HSV ohne Ettmayer, war Sing gezwungen auf die Dienste des Publikumslieblings zurückzugreifen. Er setzte ihn wieder gegen Köln ein. Ettmayer schoss den Führungstreffer und rannte fragend auf seinen Coach zu: „Zählt das Tor?“ „Warum denn nicht?“ „Weil ich es geschossen habe, der Dicke!“

Es sollte nicht sein letztes Tor und seine letzte schlagfertige Retourkutsche werden. Ettmayer setzte seine Karriere anschließend in Hamburg, Lugano, Freiburg und zuletzt in Göppingen fort. Heute lebt der nunmehr 68-Jährige in Baden-Württemberg, fünfunddreißig Kilometer von Stuttgart entfernt. Man sieht ihm seinen Ruhestand an: Sein einstige „Kampfgewicht“ ist lange Schnee von gestern. Egal, denn nach seiner ersten und einzigen Diät als Profi 1972 spielte der dreißigfache Internationale nach eigenen Angaben „wie der letzte Depp“. So behielt er seine Angewohnheiten wie seinen Schmäh bei. Für jeden, der ihn wegen seiner Kilos löcherte, hatte er auch immer eine logische Erklärung parat: „Was soll ich machen, ich habe halt daheim in meinem Kühlschrank so furchtbar schräge Fächer. Wenn ich in der Nacht aufsteh‘ und des Türl aufmach‘, rutschen mir die Wurstsemmerln einfach von selber entgegen.“

Marie Samstag, abseits.at

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Marie Samstag