Im März 1938, nur wenige Tage nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, poltern SA-Sturmbannführer Hermann Haldenwang und Ex-Wunderteam-Verteidiger Hans Mock an die... Anekdote zum Sonntag (39) – Wanderpokal wider Willen
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Logo Austria Wien schwarz-weißIm März 1938, nur wenige Tage nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, poltern SA-Sturmbannführer Hermann Haldenwang und Ex-Wunderteam-Verteidiger Hans Mock an die Wohnungstür der Wollzeile 36 im ersten Wiener Gemeindebezirk. Dort lebt FAK-Präsident Emanuel „Michl“ Schwarz mit seiner Familie. Haldenwang, der soeben von Reichssportführer Tschammer von Osten höchstpersönlich zum kommissarischen Leiter der Veilchen bestellt worden ist, soll Schwarz davon in Kenntnis setzten, dass er bei der Austria und nirgendwo sonst im Fußballsport mehr willkommen ist. Ein guter Teil des alten FAK-Vorstandes ist von diesem „Verbot jüdischer Tätigkeit im Sport“ betroffen. „Michl“ Schwarz, der für den Fußball lebt, trifft diese Untersagung besonders hart, ist die Austria unter seiner Regentschaft doch zu einem europäischen Spitzenverein, der zweimal den Mitropacup, den CL-Vorläufer der 30er-Jahre, geholt hat, aufgestiegen. Aus Dankbarkeit wurde Schwarz vom restlichen Vorstand 1936 eine kleine Goldkopie des Mitropacups überreicht. „Unserem verdienten Präsidenten Michl Schwarz“ ließ das Präsidium ehrfurchtsvoll eingravieren. Genau diesen Pokal wollen Haldenwang und Mock nun mitnehmen. Sie beschlagen die Replika „im Namen des Führers“ und bringen sie zum nächsten Juwelier: Die ursprüngliche Gravur soll verschwinden und an ihrer Stelle ein bedeutungsschwangeres „Sieg Heil“ inklusive Hakenkreuz eingekerbt werden. Um den Gewinn dieses neugestifteten Pokals sollen sich anschließend Austria Wien und Schalke 04 sportlich duellieren.

Das inszenierte Spiel ist ein Propagandatrick der NSDAP: Erwünscht ist, dass der deutsche Paradeklub über die jüdisch angehauchte „Scheiberl“-Austria mit rücksichtloser Drauf-Drauf-Spielkultur und preußischer Härte drüberfährt. So soll demonstriert werden, dass Österreich nicht nur sozio-politisch sondern auch (fußball)kulturell „heim ins Reich“ gekommen ist. Tatsächlich verliert die Austria, die kurzzeitig SC Ostmark heißt, am 21. August 1938 unter der Führung von Kapitän Mock mit 2:3 gegen die Ruhrpott-Mannschaft – von Drüberfahren kann aber keine Rede sein. Am 1. November 1938 findet das Rückspiel in Wien statt: Die Gäste betrachten das sportlich-wertlose Spiel als lästige Verpflichtung und reisen nicht einmal mit dem kompletten Kader an. Vor 22.000 Zuschauern siegen die Violetten mit 2:1, wobei ihr Stürmer Camilo Jerusalem (wie passend!) als gefährlichster Mann agiert.

Wieder wurde nichts aus der Demonstration der germanischen Spielüberlegenheit über den feintechnischen Wiener Fußballschmäh, jetzt muss ein Termin für das Entscheidungsspiel gefunden werden. Keines der Teams zeigt jedoch besonderes Interesse an einem dritten Match um die verunstaltete Kopie. Grob fassen die Funktionäre Dezember oder Jänner ins Auge, dann sollen in einer westdeutschen Stadt die Würfel fallen. Im Jänner konzentriert sich die deutsche Sportwelt jedoch ausschließlich auf das Finale des Tschammer-Cups in Berlin, wo sich der FSV Frankfurt und Rapid Wien gegenüber stehen und aus dem finalen Duell wird nichts. Danach macht keine Mannschaft den ersten Schritt zur Kontaktaufnahme und die Hakenkreuz-Mitropa-Replik beginnt während der Kriegsjahre in der Geschäftsstelle der Violetten zu verstauben, bis Sekretär Ulbrich den Pokal mit nach Hause nimmt. Offiziell um ihn besser verwahren zu können, in Wirklichkeit plant Ulbrich aber schon die Rückgabe an „Michl“, denn nach der Schlacht um Stalingrad sind sich viele sicher, dass das Ende des „Tausendjährigen Reiches“ bald kommen wird. In Ulbrichs Wiener Wohnung schläft die Replik solange bis das Jahr 1945 anbricht und der Sekretär fürchtete, dass ihm der Wertgegenstand entwendet werden könnte. Er lässt den Silberhumpen von anderen Austrianern in einem steirischen Wald vergraben. Als Emanuel Schwarz mit der französischen Nationalmannschaft im Dezember 1945 nach Wien zurückkommt, erhält er sein Eigentum feierlich zurückerstattet: Schwarz entschließt sich die Schandgravur als sichtbares Mahnmal nicht entfernen zu lassen. Seit 2010 ist der Pokal als Leihgabe im Austria-Museum zu bewundern.

Marie Samstag, abseits.at

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Marie Samstag