Christopher Drazan – großes Potential, falsch portioniert – woran der Rapid-Flügelflitzer arbeiten muss!

Am 2.August 2008 feierte Christopher Drazan sein Bundesligadebüt für den SK Rapid Wien: Beim 3:1-Sieg über Kapfenberg wurde er in der 67.Minute eingewechselt und servierte Stefan Maierhofer nur vier Minuten später den Treffer zum 3:0. Über 120 Pflichtspiele sollten in den nächsten 3 ½ Jahren folgen – aber seinen zunächst bestätigten Vorschusslorbeeren wurde der heute 21-Jährige in den letzten Monaten nur sehr selten gerecht.

122 Spiele, zehn Tore und 33 Assists für Rapid. Christopher Drazan ist bereits im Alter von 21 Jahren ein „Alteingesessener“, wie es einst Veli Kavlak oder Andreas Ivanschitz waren, die ebenfalls sehr jung für Grün-Weiß debütierten. Die Stärken des gebürtigen Wieners waren schnell augenscheinlich: Drazan ist pfeilschnell, flankt gut (vor allem aus dem Stand) und zudem legte der Linksfuß von seinem ersten Spiel weg sofort eine „Scheiss-mir-nix“-Mentalität an den Tag, die ihn umso gefährlicher machte. Die Rapid-Fans jubelten bereits nach der ersten Saison Drazans, 2008/09, in der er nur fünf Spiele von Beginn an machte und 15mal eingewechselt wurde, über das neue Supertalent und den idealen Ersatz für den nach Frankfurt abgewanderten Ümit Korkmaz.

Ruppig, aber gut

Auch der Beginn der Saison 2009/10 versprach Großes: Drazan überzeugte in Liga und Europacup, erzielte sein erstes Pflichtspieltor im Cup gegen Parndorf, sein zweites ausgerechnet im grandiosen Heimspiel gegen den Hamburger SV, in dem er einen Kunstschuss zum 3:0 versenkte. Am Ende der Saison standen sechs Tore, davon drei im Cup. Eine weitere Eigenheit des Christopher Drazan konnte man in seiner zweiten Saison ebenfalls beobachten: Ein gewisses Maß an Brutalität. Nicht selten revanchierte sich Drazan für Attacken oder Ballverluste, grätschte seine Gegner rücksichtslos um. Bis zum heutigen Tag flog Drazan viermal vom Platz.

Probleme unter Pacult, Erleichterung unter Barisic

Mit Trainer Peter Pacult verband ihn eine Hassliebe. Pacult wusste um die Fähigkeiten des Flügelflitzers, kritisierte den jungen Profi jedoch regelmäßig öffentlich für seine taktischen Schwächen, die laut Pacult auf das Konto der Admira, Drazans Ausbildungsverein, gingen. Taktische Fehler und eine Prise Ungehorsam brachten Drazan im Herbst 2010 wieder zurück in die Regionalliga. Pacult setzte auf andere Spieler, im starren 4-4-2 des Rapid-Trainers war für Drazan vorerst kein Platz. Es begann eine schwierige Phase für das Talent, dem man seine Verunsicherung auch auf dem Platz ansah. Der junge Spieler, der offensichtlich Sicherheit und Vertrauen brauchte, kam mit der Seelenmühle Pacult nur bedingt zurecht – Stammspieler wurde Drazan erst wieder im Frühjahr 2011 unter Zoran Barisic. Seine Erleichterung sah man ihm dabei vor allem nach seinem Tor in Innsbruck an: Nachdem er in der 64.Minute zum zwischenzeitlichen 2:0 für Rapid einschoss, sprintete er auf Interimscoach Barisic zu, riss diesen beinahe zu Boden. Barisic kommentierte den Drazan-Jubel so: „Wie ich den Fritz auf mich zulaufen sah, war mein erster Gedanke: Jetzt bin ich’s g’wesen.“ Fritz wird Christopher Drazan übrigens aufgrund seines Vaters genannt. Ein Phänomen des Fußballer-Schmähs – schließlich wird auch Dominik Rotter (Vienna) „Poldl“ genannt. Dessen Vater ist schließlich Drazans ehemaliger Co-Trainer Leopold Rotter.

Mehr Konstanz ist gefragt

Vor der Saison 2011/12 war klar: Drazan muss nach dem langen Hickhack um seine Person, mehrmaliger öffentlicher Kritik und zum Teil sehr schwachen Leistungen einen Schritt nach vorne machen. Immer wieder wurde der Mittelfeldspieler mit internationalen Top-Klubs, wie etwa dem FC Basel, in Verbindung gebracht. Ein (erfolgreiches) Auslandsengagement würde jedoch nur im Rahmen des Möglichen sein, wenn Drazan in der laufenden Spielzeit einen merkbaren Schritt nach vorne macht und vor allem Konstanz in seine Leistungen bringt. Das bisherige Zwischenfazit liefert ein Mittelding: Zwar gab es Spiele, in denen Drazan das Heft in die Hand nahm und selbst versuchte Initiative zu ergreifen, allerdings waren auch schwache, lustlose Leistungen an der Tagesordnung und so blieb Drazan von 26 Spielen nur zehnmal über die volle Spielzeit auf dem Platz.

Zu viele Leerläufe

Was muss Christopher Drazan verbessern, um nach (oder sogar schon vor) Auslaufen seines Vertrags am 30.Juni 2013 das Abenteuer Ausland in Angriff nehmen zu dürfen? Der große Überbegriff lautet „Konstanz“, denn auch wenn Drazan bereits seine vierte Saison für Rapid spielt, konnte er sich bisher noch nie über einen längeren Zeitraum als Stammspieler etablieren. Aktuell bekommt er die regelmäßigste Spielzeit seiner Karriere, Sternstunden wie beim 3:2-Heimsieg gegen Sturm Graz, wo er alle drei Tore vorbereitete, sind jedoch noch zu selten. Statistisch gesehen spielt Drazan eine gute Saison:  In 25 Spielen gelangen ihm drei Tore und zehn Assists. Allerdings erfasst diese Statistik nicht die zahlreichen Leerläufe zwischen erfolgreichen Partien.

Durchschaubares Laufspiel

Drazans spielerisches Problem ist sein zweidimensionaler Stil. Der 185cm große Wiener lebt von seinem intensiven Laufspiel. Bekommt Drazan den Ball versucht er seinen Gegenspieler in 90% der Fälle außen zu überlaufen. Zwar haben es viele Gegenspieler ohne Ball schwer einem Christopher Drazan mit Ball nachzukommen, zumal dieser tatsächlich zu den schnellsten Spielern der heimischen Liga zählt, aber die Flankenläufe des Rapid-Spielers wurden mittlerweile durchschaubar. Drazan müsste den Vorteil, den er durch seine Schnelligkeit besitzt, breiter nutzen. Zu selten kommt es vor, dass Drazan in Kontersituationen, die wie für sein Laufspiel geschaffen sind, zur Mitte zieht, einen intensiven Lauf auf der Zentralachse sucht und somit selbst für mehr Torgefahr sorgt. Flankenläufe und darauffolgende Hereingaben sahen zu Beginn seiner Rapid-Karriere stets gefährlicher aus, da er mit Maierhofer und/oder Jelavic ideale Abnehmer für Flanken hatte. Die aktuelle Situation ist jedoch eine andere – was Drazans Trainer auch bemerkten und ihm immer wieder taktische Tipps gaben, wie er seine Stärken noch besser ausspielen könne. Jedoch ist Drazan leider ein Spieler von ausbaufähiger Spielintelligenz und so verlief sich so mancher gut gemeinte Trainertipp immer wieder im Sand.

Laufspiel besser dosieren, Raum besser nützen

Auch taktisch kann Drazan noch zulegen und die aktuelle Rapid-Elf wäre ein idealer Übungsparcours für den 21-Jährigen. Der Flügelspieler, der zeitweise unter Atmungsproblemen leidet, weiß seine große Energie noch nicht richtig zu dosieren. Zwar ist Drazan einer der Spieler, die die meisten Sprints und intensiven Läufe absolvieren, allerdings ist sein Kilometerschnitt für einen Mittelfeldspieler äußerst gering. Drazan lebt von kurzen, intensiven Aktionen, anstatt die goldene Mitte zu suchen, was wiederum dem Mittelfeld des SK Rapid nicht gut tut (zwei Kilometer mehr pro Spiel wären für das gesamte Team Gold wert!). Er verteidigt prinzipiell zu stark von außen nach innen und ist oftmals, selbst wenn er hinter den Ball kommt, ein verschenkter Spieler im defensiven Block. Und das obwohl Drazan durchaus defensive Qualitäten besitzt. Wie auch im Offensivspiel gilt hier: Drazan müsste zur weiteren Optimierung seiner Leistungen in Rückwärtsbewegung schneller und zentraler hinter den Ball kommen, kompakter stehen. Dies würde ihm im Falle eines Ballgewinns und dem damit verbundenen offensiven Umschalten einen Positionsvorteil verleihen. Drazan wäre nicht mehr am Flügel gefangen und relativ leicht abzudrängen, sondern hätte auf der zentraleren Position größere Möglichkeiten sich in alle Richtungen zu entfalten.

Laufspiel portionieren

Peter Schöttel versuchte bereits Drazans großes Leistungspotential heraus zu kitzeln, indem er stets die Positionen mit Trimmel wechseln lässt, Drazan immer wieder temporär auf der rechten Seite aufbietet, sodass dieser weniger den Weg zur Grundlinie, dafür mehr zur Mitte suchen kann. Die Fehler in seiner Grundposition bleiben jedoch die gleichen und so kann er seine größte Waffe, seine Schnelligkeit, weiterhin nicht portioniert einsetzen. Man könnte sagen, dass es taktisch (weiterhin) am Feinschliff mangelt.

Mit dem „3D-Spiel“ kommt auch die Freude

Christopher Drazan ist definitiv ein Spieler mit großem Potential, der jedoch das Spielfeld im Geiste noch mehrmals genau ausmessen muss, um seine Leistungen zu optimieren. Wenn dies geschieht, dann macht ihm auch das Kicken noch mehr Spaß – schließlich zählen auch die manchmal angeknackste Körpersprache und die eine oder andere lustlose Aktion zu Drazans Schwächen, die jedoch mit seiner nicht immer erfolgreichen und autofrustrierenden Spielweise einhergehen. Eines steht jedoch fest: Es müssen Konstanz und Steigerung her, andernfalls werden konkrete Auslandsangebote noch einige Jahre auf sich warten lassen.

Daniel Mandl, abseits.at

  • Onkl_ludwig

    Sehr feiner Artikel!
    Lg Lu