Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte es noch einige Jahre dauern bis der Europacup wieder ausgetragen würde. Parallel dazu wurde 1961 der International-Football-Cup, im deutschsprachigen... Anekdote zum Sonntag (36) – Der Wiener Sportclub und der Fakir
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_Wiener Sportklub Wappen StripesNach dem Zweiten Weltkrieg sollte es noch einige Jahre dauern bis der Europacup wieder ausgetragen würde. Parallel dazu wurde 1961 der International-Football-Cup, im deutschsprachigen Raum meist nach seinem Erfinder Karl Rappan, Rappan-Cup genannt, eingeführt. Dieser Wettbewerb ermöglichte es Mannschaften, die nicht für den Europapokal der Landesmeister oder den Messepokal qualifiziert waren, sich international zu vergleichen.

Anfang der 1960er Jahre nahm der Wiener Sportclub am Rappan-Cup teil. Die Hernalser hatten ihre beste Zeit damals schon hinter sich: 1958 hatten sie die italienischen Stars von Juve im Wiener Praterstadion mit 7:0 aus dem Europacup geschossen und es so kurzzeitig zur Fußballsensation gebracht. Auch ein 0:0-Achtungserfolg gegen Real Madrid ließ die Wiener das Flackern der Überraschungshoffnung aufrechtzuhalten, im Bernabeu zeigten die Königlichen jedoch, wer der Herr im Haus ist, und die Wiener schieden mit einem schmerzlichen 1:7 im Viertelfinale aus. Ein Jahr später gelang die Sensation gegen Eintracht Frankfurt knapp nicht und danach ging es für die Schwarz-Weißen langsam aber stetig bergab: Der Europapokal war mangels Meistertitel nicht mehr zu erreichen und so blieb für den WSC nur der Rappan-Pokal. Die Spiele fanden stets nach der nationalen Saison statt. Das brachte Probleme mit sich: Einmal hatten die Wiener mit Verletzungssorgen zu kämpfen. Die Saison war lange und hart gewesen und selbst wackere Backup-Spieler waren zu lange strapaziert worden. Einige Stammkräfte fehlten länger. Kurz vor dem ersten Rappan-Spiel klagte der einzig verbliebene Tormann über Hals- und Kopfschmerzen. Was tun? Die Dornbacher konnte sich glücklich schätzen, einen fähigen Teamarzt in ihren Reihen zu haben: Dr. Preschitz war nicht nur ein anerkannter Sportmediziner, er schreckte auch vor alternativen Heilungsmethoden nicht zurück. Damals in den 60ern war das noch nicht selbstverständlich.

Preschitz verschwand mit dem Spieler in seinem Ärztekammerl. Erst beim gemeinsamen Abendessen in der Kasernierung tauchten beide wieder auf: Sämtliche Kicker hätten sich fast verschluckt, als sie ihren Schlussmann hereinspazieren sahen: Der Torwart wurde „verschleiert“, wie im Tschador, mit Kopf- und Schulterumhüllungen von Doktor Preschitz in den Saal geführt. Beim Essen nahm ihm der Sportarzt die „Rüstung“ ab und da brach das Gelächter erst wirklich los: Im Genick und in den Schultern des Sportlers steckten zahlreiche Metallnadeln, die bei jeder Bewegung auf und ab wippten. Preschitz erläuterte den neugierigen Hernalsern, dass es sich bei dieser Heilmethode um die uralte chinesische Akupunktur handeln würde. Die meisten blieben skeptisch: Diese Kostümierung als Fakir, sollte ihren Schlussmann von seinen Muskelproblemen befreien? Als das Essen jedoch vorbei war, entfernte Preschitz seinem Patienten sämtliche Nadeln und dieser bestätigte Schmerzfreiheit. Als er am nächsten Tag – vollkommen gesund und munter – eine Bombenleistung auf dem Platz ablieferte, waren auch die letzten Zweifler besänftigt. Wenn sie auch nicht mehr im Fußball nationale Spitze waren, so verfügten die Dornbacher wenigstens über einen Arzt von Rang. Und es dauert nicht lang bis der nächste Spieler um eine „Nagerl“-Therapie ansuchen sollte.

Marie Samstag, abseits.at

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Marie Samstag