Die Bayern gewannen 2:1 daheim in München, mussten sich jedoch aufgrund der Auswärtstorregel dennoch geschlagen geben. Das überaus komplexe Spiel auf extrem hohem Niveau... Komplexes Spiel auf extrem hohen Niveau: Bayern scheidet trotz Sieg aus CL aus
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Allianz Arena, FC Bayern MünchenDie Bayern gewannen 2:1 daheim in München, mussten sich jedoch aufgrund der Auswärtstorregel dennoch geschlagen geben. Das überaus komplexe Spiel auf extrem hohem Niveau haben wir in diesem Artikel für euch analysiert.

Prinzipielle Ausrichtungen

Die Bayern begannen das Rückspiel mit einigen Umstellungen, Ribéry und Müller rückten für Coman und Thiago in die Mannschaft. Geändert hatte sich jedoch nicht nur das Personal, die Ausrichtung der Flügelspieler war diesmal auch eine andere, agierten beide doch von Beginn an bereits invers, zudem hatte man einen klaren Rechtsfokus, selbst Alaba und Ribéry rückten oft weit in die Mitte ein.  Im Aufbau kippte Alonso konstant zwischen die beiden Innenverteidiger ab, Lahm und Alaba schoben hoch den Flügel entlang. Man war dem weiten Ball sichtlich nicht abgeneigt, Boateng und Alonso hatten in den Anfangsminuten bereits ein paar Mal zu einem hohen Flugball ausgeholt. Lewandowski war in diesen Fällen der Zielspieler, Müller stets in seiner Nähe für den zweiten Ball.

Defensiv formierte man sich im 4-1-4-1, wenngleich Atlético selten längere Ballbesitzphasen hatte. Das Gegenpressing der Bayern wurde sehr intensiv ausgeführt, zudem war man aufgrund der wenigen reellen Angriffsspieler der Madrilenen stets in Überzahl.

Atlético hatte zu Beginn seine Mühe mit der hohen Intensität, die die Bayern an den Tag legten, wenngleich  die Stimmung im Stadion jeden Ballkontakt der Heimmannschaft gefährlicher erscheinen ließ als er es tatsächlich war. Man begann in einem 4-5-1, was durch geschicktes Bespielen der Mannorientierungen jedoch oft zu flach ausfiel, weshalb Simeone recht bald auf 4-4-2 umstellte, man so nun kompakter war und den Aufbau der Bayern zumindest situativ stören konnte, was davor überhaupt nicht der Fall war.

Offensiv war man natürlich auf Konter ausgelegt, wobei man diese vornehmlich über die Flügel vortrug, jedoch führte man die Gegenstöße mit wenig Spielern aus, blieb meist mit mindestens sechs Spielern als Absicherung in der eigenen Hälfte.

Die Dreierkette im Aufbau der Bayern verhinderte den Colchoneros jeglichen Zugriff, Torres und Griezmann konnten die Münchner nicht auf die Art und Weise unter Druck setzen, wie sie es noch im Hinspiel taten. Die Flanken der Gastgeber konnte man ebenfalls abwehren, sodass man  die ersten 15 Minuten des großen Andrangs sicher überstand.

Besserer Aufbau von Bayern, Simeone passt an

Nach den wilden ersten 15 Minuten hatte sich das Spiel zusehends beruhigt, wenngleich diese „Wildheit“ vor allem von den Zuschauern ausging, die jede Aktion frenetisch bejubelten. Das Pressing Atléticos hatte nun auf das Abkippen reagiert und in höheren Zonen, sofern genug Spieler in der Bayern Hälfte waren, rückte Gabi auf Alonso. Prinzipiell agierte Atlético jedoch recht tief, mit Torres und Griezmann beschützend vor den Sechsern operierend. Zwar dominierten die Bayern, lange Passstaffetten brachte man jedoch nicht zusammen, was auf jeden Fall ein Erfolg für Atlético war und auch für die defensive Qualität spricht.

Lahm agierte deutlich breiter und höher als noch im Hinspiel, auch Alaba war offensiv aktiver als es Bernat war, wenngleich Alaba mehr im Halbraum agierte und Ribéry eine breite Position erlaubte. Die Positionierung der zwei sollte Möglichkeiten für hohe Wechselpässe schaffen, primär geschlagen von Alonso und Boateng. Diese Strategie ging oft auf, Atléticos  mannorientierte Außenverteidiger wurden durch die einrückenden Bewegungen von den Flügelstürmern ins Zentrum gezogen, um die nötigen Zentimeter Platz für Lahm und Ribéry zu schaffen, die oft die Flanke suchten, da Müller und Lewandowski stets dynamisch den Strafraum besetzten. Diese Flanken konnten die Gäste jedoch meist gut verteidigen und teilweise auch komplett klären, wenngleich man unter der guten Rückraumbesetzung und der hohen Intensität der Bayern im Gegenpressing litt. Noch mehr litten die Spanier, als die Bayern durch einen Freistoß von Xabi Alonso in Führung gingen. Diese wäre fast erhöht worden, Oblak parierte jedoch Müllers Elfer bravourös.

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Atlético in erhöhter Position beim Pressing, schaffte es nach Anpassung auf 4-3-3/4-1-4-1 den bayrischen Aufbau besser zu stören.

Gabi rückte nun intensiver auf und die Colchoneros pressten nun eher in einem 4-3-3. was den Bayern-Spielern in der ersten Aufbaulinie etwas die Zeit nahm. Die große Qualität von Boateng, Martínez und Alonso im Spielaufbau erlaubten jedoch weiterhin eine halbwegs brauchbare Spieleröffnung, die sowieso geplanten hohen Bällen kamen dann etwas weniger genau, jedoch hatte man die Strukturen um dies aufzufangen und im Gegenpressing diese zu erobern. Konnte man das Pressing der Gäste sauber umspielen, versuchten die Hausherren mit Halbraumverlagerungen im zweiten Spielfelddrittel Atlético zum Laufen zu zwingen und so Räume zu finden. Die bayrischen Flügelstürmer, sowie die Achter Vidal und Müller bewegten sich immer wieder klug um das teilweise mannorientierte Pressing auszuhebeln und Platz für Verlagerungen zu schaffen.

Offensiv tat sich Atlético natürlich schwer, obwohl man in Ansätzen immer wieder gute Angriffe vortragen konnte. Das primäre Problem war die Ausrechenbarkeit der Angriffsvorgänge, da die Gastgeber es immer wieder schafften die Rot-Weißen aus Madrid auf die Seiten zu leiten, wo man oft nur mit simplen Doppelpässen Durchbrüche zu erzielen versuchte. Dies war vor allem auf rechts der Fall, da Juanfráns Fähigkeiten im Dribbling im Gegensatz zu Filipe Luis‘ begrenzt sind.

Atlético stabil nach der Pause

Carrasco war nach der Halbzeit für Augusto gekommen, Simeone stellte auf ein 4-1-4-1 um und man hatte nun den Zwischenlinienraum deutlich besser unter Kontrolle, zudem rückten Atlétis Verteidiger nun deutlich aggressiver mit auf, wenn sich Lewandowski zum Anspielen fallen ließ. Griezmann situierte sich nun im rechten Mittelfeld, rückte teilweise jedoch in die Halbräume auf, offensiv wie auch defensiv. Die Gäste agierten nun konstant im tiefen Mittelfeldpressing, die Bayern konnten jedoch weiterhin nicht ihre bekannte Dominanz aufbauen und über längere Strecken den Ball halten. Nach einem Klärungsversuch der Spanier waren Boateng, Alonso und Vidal übereifrig, wollten gemeinsam gegenpressen und öffneten Räume hinter sich. Der Ball fiel Gabi vor die Füße, welcher Koke anspielte. Dieser passte auf Griezmann, der für Torres ablegte, der auf Höhe des Mittelfeldkreises nur mehr eine Restverteidigung bestehend aus Alaba und Martínez vor sich hatte, während Griezmann sich in die Tiefe löste und von Torres bedient wurde. Der Linienrichter ließ die Fahne (rückblickend zurecht) in dieser knappen Situation unten und der Franzose traf zum 1:1 Ausgleich.

Durch die Anpassung Simeones hatten die Bayern nun auch keine deutliche Zentrumsüberlegenheit mehr, man wurde zunehmend auf die Flügel isoliert, immer mehr und mehr Flanken wurden geschlagen, Atlético verteidigte diese routiniert.

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Szene vor dem Ausgleich: Die Bayern, zu ungestüm im Gegenpressing, lassen viel Raum zum Bespielen hinter sich.

Guardiola stellt um und Bayern wird gefährlicher

Guardiolas Anpassung folgte prompt, Lahm befand sich wieder mehr im Halbraum, um Überzahl im Zentrum herstellen zu können, während Costa, der keinen guten Tag erwischte, die Breite gab. Alaba bewegte sich aus dem Zentrum weg und besetzte den Flügel. Diese Asymmetrie, die durch ständige Verlagerungen noch akzentuiert wurde, testete das Verschieben und die Neuorientierung der spanischen Gäste aufs Maximum. Dies war nun die Ausrichtung die man auch in Halbzeit zwei des Hinspiels hatte. Die Bayern hatten nun deutlich mehr Ballbesitz, versuchten durch viele Flanken Lewandowski, Müller und Vidal in Szene zu setzen, sowie durch die gekonnte Rückraumbesetzung die zweiten Bälle zu gewinnen, wie Alaba es zwei Mal tat. Der schwache Costa musste für Coman weichen, der nun die Breite als Rechtsfuß passender besetzen sollte.

Der Flankenfokus wirkte lange Zeit vergebens, durch die reine Fülle an Chancen stieg jedoch schlicht und einfach die Möglichkeit eines Tores, welches auch fiel. Nachdem Vidal dynamisch den Strafraum besetzte und eine Alaba-Flanke von links auf Lewandowski per Kopf ablegte, erzielte der polnische Legionär den Führungstreffer. Die Bayern dominierten weiter, hatte jedoch zwei, drei Situationen die man im Gegenpressing nur knapp lösen konnte, wäre da einer durchgerutscht wäre es wohl vorbei gewesen. Torres konnte bei einem dieser Durchbrüche einen Elfmeter rausholen, wenngleich dieser unberechtigt war, da das Foul außerhalb des Strafraums begangen wurde. Neuer hielt jedoch den Strafstoß nach dem Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit. Gegen Ende des Spiels situierte auch Alaba sich zentraler, primär fürs Gegenpressing, konnte jedoch offensiv im Nachrücken zwei Mal wie bereits erwähnt, Schüsse abfeuern, wie er es auch im Hinspiel tat. Tor fiel jedoch keines mehr.

Fazit

Pep wartete mit einem guten Plan auf, die Bayern waren deutlich dominanter und besser als im Hinspiel. Die Colchoneros verteidigten und konterten jedoch ebenso gut wie in Madrid, Simeone reagierte ebenfalls mit guten Anpassungen auf die Umstellungen Guardiolas. Es hätte das eigentliche Finale sein sollen, wobei wir froh sein dürfen, die zwei besten Mannschaften Europas gleich zwei Mal gegeneinander spielen zu sehen. Heute folgt Real gegen Manchester City – auf jede Party folgt ein Kater.

David Goigitzer, abseits.at

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David Goigitzer