Thomas Schaaf gilt als einer der offensivsten Trainer der Bundesliga. Beim SV Werder Bremen hat er in seinen 25 Jahren als Trainer, darunter die... Thomas Schaaf und der alltägliche Offensiv-Wahnsinn in Frankfurt
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Eintracht FrankfurtThomas Schaaf gilt als einer der offensivsten Trainer der Bundesliga. Beim SV Werder Bremen hat er in seinen 25 Jahren als Trainer, darunter die letzten 14 als Verantwortlicher für die erste Mannschaft, eine sehr offensive und riskante Spielweise etabliert. Diese führte zu einem Meistertitel und zwei Vizemeisterschaften. Nachdem sich Schaaf und Werder 2013 trennten, übernahm Schaaf im Sommer 2014 Eintracht Frankfurt. Auch hier zeigt sich, wie Schaaf Fußball sieht und spielen lässt.

Tor- und Gegentormaschine

Mit 31 Punkten und einer Tordifferenz von -5 liegt Eintracht Frankfurt auf Platz 9. Diese Zahlen wirken wie jene einer normalen Mittelfeldmannschaft, doch Frankfurt hat die meisten Gegentore in der gesamten Liga erhalten und die drittmeisten geschossen. Nur der FC Bayern und der VfL Wolfsburg haben mehr Tore erzielt. Passenderweise liegt der SV Werder Bremen, Schaafs ehemaliges Team, trainiert von seinem ehemaligen Spieler und Protegé Viktor Skripnik, bei den Gegentoren gleichauf mit Frankfurt und bei den erzielten Treffern direkt hinter Frankfurt auf Platz 4.

Eine solch extreme Statistik wie jene von Frankfurt kann allerdings auch einfach am Glück liegen. Manche Teams haben einfach Serien, wo viele Tore fallen, woraufhin sich dies wieder etwas normalisiert und an die anderen Mannschaften ausgleicht. Um dies besser einschätzen zu können, wird meist der „Expected Goals“-Faktor verwendet. Dieser zeigt, wie viele Tore aus den jeweiligen Schusssituationen eigentlich zu erwarten wären. Position, Art des Schusses, Art der Vorlage etc. wird hier berechnet. Die reell erzielten Tore gleichen sich fast immer im Laufe der Saison an die Expected Goals an.

Bei Schaaf und Frankfurt zeigt Expected Goals aber, wie absurd die Statistiken eigentlich wirklich sind. In der folgenden Grafik ist zu sehen, dass Schaafs Mannschaft nicht einmal ansatzweise mit einer anderen Mannschaft in Europas Topligen zu vergleichen ist.

Thomas Schaaf Rampage Line

Am ehesten kommen Real Madrid, die TSG Hoffenheim und das in dieser Saison zeitweise von Offensivtrainerlegende Zdenek Zeman trainierte Cagliari in die Nähe dieser „Thomas Schaaf Line of Rampage“, wie sie spielverlagerung.de-Autor Martin Rafelt scherzhaft benannt hatte. Insofern kann man rein von der Anzahl an herausgespielten und zugelassenen Chancen Eintracht Frankfurt zumindest statistisch als das spektakulärste Team Europas bezeichnen. Doch woher kommt diese Spielweise?

Pressingwahn und Instabilität

Zwar schalteten die Frankfurter in einzelnen Partien durchaus einen Gang zurück, waren etwas passiver, positionsorientierter und tiefer in ihrem Pressing, doch in sehr vielen Saisonspielen agierten sie unglaublich aggressiv. Sie nutzten zahlreiche Mannorientierungen, um nach Anspielen sofort Zugriff auf den Passempfänger zu erzeugen, starteten das Pressing schon weit in der gegnerischen Hälfte und versuchten den Gegner auch in viele Kämpfe um den zweiten Ball nach langen Pässen zu verwickeln.

Damit setzten sie allerdings nicht nur die Gegner unter Druck und können nach Ballgewinnen schnell kontern, vielfach sind sie auch nach guten Läufen oder schnellen Kombinationen außerordentlich anfällig. Interessant sind auch die Formationen, welche sie dafür nutzen.

Breite Raute, enge Raute, 4-1-1-4, …

Als orthodox kann man die Staffelungen der Frankfurter nicht bezeichnen. Sehr viele Mannschaften in der Bundesliga agieren in einem 4-4-2, 4-4-1-1 oder einem 4-1-4-1 in der Arbeit gegen den Ball. Nur wenige Teams bilden eine Ausnahme oder wechseln zu anderen Formationen. Und wenn dies geschieht, so meist nur für einzelne Spiele oder Phasen. Bei Frankfurt hingegen gibt es die klassische 4-3-1-2-Raute oft zu sehen, doch auch unübliche Formationen wie eine Raute mit nur einem Sechser und zwei Flügelstürmern als „Halbspieler“ der Raute sind oft zu sehen.

Der Sechser muss dann ganz alleine die zentralen Räume absichern, während die Halbspieler sich um die gegnerischen Außenverteidiger kümmern. Der Druck, den sie auf den Gegner im hohen Pressing damit aufbauen können, ist damit zwar enorm, doch die Spielweise öffnet natürlich viele Räume. Dies ist auch der Fall, wenn sie in einem 4-4-2 pressen, welches oft zu einem 4-1-1-4 wird.

Einer der beiden Sechser rückt nämlich oft nach vorne, um den Raum hinter den beiden Stürmern zu versperren und Druck auf den oder die gegnerischen Sechser auszuüben. Auch hier ist das Pressing enorm aggressiv, aber eben anfällig. Es ist der Grund, wieso Frankfurt viele Chancen herausspielt und zulässt. Doch nicht nur in der Arbeit gegen den Ball ist die Eintracht „typisch Schaaf“.

Aggressives, weiträumiges Aufrücken mit vielen Spielern

Natürlich können die Frankfurter in puncto technischem Spektakel und Kombinationsspiel nicht mit den Özils, Diegos und Micouds von Schaafs stärksten Bremer-Mannschaften mithalten, doch sie haben dennoch ein paar andere sehr interessante Aspekte in ihrem Offensivspiel. So gibt es vermutlich kaum eine andere Mannschaft, die mit so vielen Spielern ins letzte Drittel und in Strafraumnähe vorstößt. Diese Angriffe wirken oftmals unstrukturiert – und sind sie vermutlich auch –, doch durch die enorme Präsenz können die Frankfurter viele potenzielle Abschlusssituationen kreieren.

Mithilfe dieses enormen Aufrückens vieler Spieler weit nach vorne können sie extreme Präsenz im letzten Spielfelddrittel erzeugen. Allerdings ist die im Vergleich zu seinen besten Bremer-Teams schwächere Technik, die womöglich auch Ursache für diese Spielweise ist, auch der Grund für die Anfälligkeit des Systems.

Dadurch haben sie teilweise Ballverluste noch vor dem Abschluss und beim Herstellen der Angriffe, wo sie schlichtweg zu hoch stehen und dadurch zu viel Raum zwischen Angriffs- und Abwehrreihe öffnen. Das sorgt für gefährliche Konter des Gegners, welche auch das eigentlich gute Gegenpressing der Frankfurter eben wegen der schlechten Staffelungen nicht mehr abfangen kann.

Fazit

Thomas Schaafs Eintracht Frankfurt zeigt, wie Schönheit und Spektakel auseinander liegen können; und wie ein Trainer bei zwei unterschiedlichen Stationen mal in die eine, mal in die andere Richtung pendeln kann. Beim SV Werder Bremen spielten die Schaaf-Mannschaften in ihren besten Zeiten deutlich ruhiger und geduldiger, gleichzeitig aber ähnlich offensiv.

Die Eintracht ist wiederum weniger begabt und ästhetisch, besitzt allerdings dafür noch höhere Aggressivität und Intensität. Das ist nicht schön, aber spektakulär und sorgt für viele Torchancen. Dank Schaaf ist aus der etwas grauen Maus Eintracht Frankfurt eine Mannschaft geworden, die alleine durch ihre unübliche Spielweise einen Platz in der Bundesliga rechtfertigt. Man darf sich auf die langfristige Entwicklung freuen.

Rene Maric, abseits.at

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Rene Maric