Es sah düster aus am Osterdeich. Nach einer schockierend harmlosen Vorstellung in der zweiten Halbzeit des Heimspiels gegen den 1. FC Köln stand Werder... Werder Bremen unter Skripnik – der Wandel eines Kellerklubs
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SV Werder Bremen - Wappen, LogoEs sah düster aus am Osterdeich. Nach einer schockierend harmlosen Vorstellung in der zweiten Halbzeit des Heimspiels gegen den 1. FC Köln stand Werder nach dem neunten Spieltag auf dem letzten Platz der Bundesligatabelle. Mit einer astronomisch hohen Anzahl an Gegentoren und der mit Abstand schlechtesten Tordifferenz der Liga entschloss man sich, den Trainer zu wechseln. Anstelle von Robin Dutt war von nun an Viktor Skripnik für die Mannschaft verantwortlich. Von da an lief alles wie am Schnürchen für die Grün-Weißen. Auch wenn es niemand aussprechen mag, liegt man nur sage und schreibe sechs Punkte hinter Platz Vier, der zur Qualifikation für die Champions League berechtigt. Doch, wie ist so etwas möglich und was macht dieses Team so stark?

Die Gründe dafür sind offensichtlich vielschichtig und können nicht einfach in drei Punkten zusammengefasst werden. Genauso wenig war Dutt ein schlechter Trainer, als dass das Team gegen ihn gespielt hätte. Auch hat er nicht den Talenten den Weg verbaut. Unter kaum einem Trainer bei Werder haben so viele Talente Chancen erhalten.

Ein verkorkster Start nach toller Vorbereitung

Die eigentliche Spielzeit begann genau entgegengesetzt der vorangegangenen Saisonvorbereitung. Konnte am alljährlichen Fan-Tag noch die hochdekorierte Auswahl Chelseas beeindruckend mit 3:0 geschlagen werden und auch zum Beispiel Champions League Teilnehmer Bilbao besiegt werden, wurde unter Dutt in der Bundesliga kein Spiel mehr gewonnen. Für erste Unentschieden bekam das Team Anerkennung, vergab gegen Hoffenheim in der Schlussphase viele Chancen. Anschließend folgten allerdings immer weniger überzeugende Vorstellungen, Tiefpunkt war mit Abstand das 0:6 ohne eigenen Torschuss beim FC Bayern. Die Tage von Thomas Schaafs Nachfolger waren wohl schon nach diesem historischen Tiefschlag gezählt.

Hypothetische Gründe für die schlechte Phase

Zum einen stach der relativ plötzliche Formationswechsel direkt zu Saisonbeginn ins Auge und die damit doch zahlreichen Umpositionierungen von Spielern innerhalb des Systems. Zlatko Junuzovic zum Beispiel fand sich statt auf der Position des Rautenzehners, wo er bei Dutt im Umschaltspiel sehr gut in den Angriff vorstieß, plötzlich auf der Doppelsechs wieder. Hinzu kamen zahlreiche, teilweise unerklärliche Fehler, die auf Profiniveau in der Art einfach nicht passieren dürfen. Neben mentalen Schwierigkeiten, deren Grund bei einem solchen Negativlauf offensichtlich scheint, könnte man Probleme bei der Umsetzung der Pläne des Coaches vermuten. Es schien zu der gesamten Zeit Dutts so, dass die Grün-Weißen mehr über die größten Stärken des Gegners anstatt der eigenen Qualitäten bedacht waren. Es mag klischeehaft klingen, aber eine nicht optimale Kommunikation zwischen Trainer und Team ließ sich zumindest von außen vermuten.

Skripnik keeps it simple

Ganz anders scheint das bei Neo-Coach Viktor Skripnik zu sein. Immer tritt der Ukrainer betont ruhig auf und gibt seinem Team Selbstvertrauen. Besonders seine Werder-Vergangenheit und die immer betonte Verbundenheit zum Klub machen ihn dabei extrem authentisch und glaubwürdig. Gewiss kennt er auch die Nachwuchsspieler durch seine vorherige Arbeit noch genauer und setzt sie, so scheint es, häufiger und nach gewissem Plan ein. Außenverteidiger Janek Sternberg spielt in den meisten Heimspielen unter Skripnik, „Routinier“ Garcia auswärts. Auch ist die Formation wieder zurück zur (Werder-)Raute geändert worden. Und diese scheint doch um einiges besser zur Mannschaft zu passen als das flache 4-4-2 zu Anfang der Saison.

Spielstil der Grün-Weißen

Sehr hohen Wert legt der Ukrainer auf sauberes Passspiel. Hatten die Bremer unter Dutt noch einen eher risikoreichen Stil und teils katastrophale Passquoten, stiegen diese unter Skripniks Regie deutlich an. Zwangsweise ergibt sich dadurch natürlich auch generell mehr Ballbesitz. Dennoch sind die Bremer flexibel: Gegen Leverkusen und andere Spitzenmannschaften konzentrierten sie sich erfolgreich auf die Defensive. Immer wieder wissen sie auch gefällig Halbräume in Pass- wie Bewegungsspiel zu nutzen, sind keinesfalls darauf fokussiert, die Linie simpel runterzuspielen. Der eigenen formativen Anfälligkeit für Flanken wurde mit Kauf von Riesenverteidiger Vestergaard, unheimlich stark in der Luft, Rechnung getragen. Um es kurz zu machen: In der Hansestadt wird seit langem wieder Attraktives nah dem Osterdeich geboten!

Dann wären da noch die Standards

Eine Aufzählung der Stärken des neuen Werders wäre ohne ein Nennen von Standards unvollendet. Ähnlich gut, damals das beste Team der Liga, war man es, als ein gewisser Mesut Özil die Freistöße und Ecken servierte. Junuzovic zeichnet nun verantwortlich für so viele Freistoßtore, wie sie seit Diegos glorreichen Zeiten nicht mehr fielen. Schon bei der Wiener Austria sorgte „Junu“ für Aufsehen, so gut wie aktuell war er allerdings noch nie. Skripnik machte aus dem Kellerkind Werder eine Truppe mit Ambitionen. Womit man zu einem weiteren Zug des Erfolgs kommt: Die Bremer verspüren absolut keinen Druck. Auch nicht nach der Heimniederlage gegen Wolfsburg, wo sie zur Halbzeit noch führten. Viel zu sehr haben sie dafür in den vergangenen Wochen fast schon über ihren Möglichkeiten gespielt. So sehr, dass sich jeder Fan immer wieder auf das nächste Spiel freuen darf.

Lennart Kühl, abseits.at

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Lennart Kühl