Zum 224. Mal stand am Samstag das Merseyside Derby in Liverpool am Programm. Gespielt wurde in Evertons Heimstätte, dem Goodison Park. Die Gastgeber mussten... 0:0 im Friendly Derby: Everton und Liverpool liefern sich keinen fußballerischen Leckerbissen
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FC Liverpool - Wappen mit FarbenZum 224. Mal stand am Samstag das Merseyside Derby in Liverpool am Programm. Gespielt wurde in Evertons Heimstätte, dem Goodison Park. Die Gastgeber mussten dabei auf Linksverteidiger Leighton Baines verzichten, der sich am Knie verletzte. Brendan Rodgers verblüffte mit dem 19-jährigen Jordan Ibe in der Startaufstellung – überraschend zwar, aber nicht unverdient. Daniel Sturridge war noch nicht fit für 90 Minuten, Lucas Leiva ging dagegen angeschlagenen ins Spiel. Kapitän Steven Gerrard durfte bei seinem 701. Spiel im roten Trikot ebenfalls wieder von Anfang an ran.

Spielerisch ausgeglichen, bessere Torchancen für die Reds

Und es begann gleich flott bei kühlen Temperaturen in den englischen Midlands. Schon nach wenigen Sekunden klopften die Reds erstmals am Tor von Joel Robels an: Sterling sieht den freistehenden Moreno, der aber statt dem Abschluss zu suchen, wieder auf den Youngsters zurückspielt. Eine symbolische Szene für den ganzen Abend, Liverpool fehlte vor dem Tor der nötige Zug zu selbigen. Die Hausherren immer bedacht, möglichst viele Spieler hinter den Ball zu bringen und das Abwehrzentrum dicht zu halten. Damit tat sich der zuletzt in guter Form spielende FC Liverpool ein ums andere Mal schwer. Nach acht Minuten die nächste gute Chance von Sterling, aber wieder zu kompliziert zu Ende gespielt, nachdem das Tor eigentlich schon leer war. Auch Kapitän Gerrard stellte sich danach gleich mal den knapp 40.000 Zuschauern vor, sein Freistoß wurde vom Goalie der Toffees aus dem Eck gefischt.

Wenn etwas ging, dann bei beiden Mannschaften meist über deren jeweilige rechte Seite. Jordan Ibe gab mehr als nur eine Talentprobe ab und hätte nach gut zwanzig Minuten mit einem satten Schuss ans Gebälk fast sein Einstandstor bejubeln können. Auf der anderen Seite brachte vor allem der schnelle Kevin Mirallas den linken Mann in der Dreierkette – Mamadou Sakho – immer wieder in Verlegenheit. Oft pressten die Mannen von Martinez die roten Verteidiger energisch an. Vor allem beim mehr und mehr unsicher werdenden Franzosen hatten sie damit immer öfters Erfolg.

Wie bereits angesprochen ging der zuletzt in Topform agierende Staubsauger vor der Abwehr – Lucas Leiva – angeschlagen ins Spiel. Und schon nach einer Viertelstunde ging beim Brasilianer nichts mehr, Joe Allan musste den Sechser ersetzen. Dies wirkte sich auch auf das Spiel aus, kurzzeitig fehlte in der Liverpooler Defensive die Ordnung. Die Toffees bekamen im Ansatz gute Möglichkeiten, konnten sie aber nie gefährlich Richtung dem Tor von Simon Mignolet zu Ende spielen. Als die Gäste vom FC Liverpool sich im Zentrum wieder besser organisierten, bekam man das Spiel wieder besser in Griff.

Liverpool feldüberlegen, zu wenig Zug zum Tor

Nach der Pause übernahm der FC Liverpool mehr und mehr das Kommando. Die Gäste standen nun höher und pressten wie in alten Zeiten die Gegner an, die das Spiel dadurch nur schleppend aufbauen konnten. Doch der FC Everton überstand die bis dato beste Phase der Reds, da auch weiterhin im Zentrum viele blaue Beine im Wege standen. Denen wurde es aber oft auch nicht zu schwer gemacht, denn der roten Offensive fehlte meist die geniale Idee, der letzte entscheidende Pass.

Liverpool schaltete nach etwa einer Stunde wieder etwas zurück und spielte nun geduldig, mit viel Ballbesitz im Mittelfeld. Everton beschränkte sich weiterhin auf das „zu Null halten“, um vielleicht in einem schnellen Konter noch ihr Heil zu finden.

In der Schlussphase tat sich zwar spielerisch weniger, doch wurde es nun hitziger. Lukaku und Can oder Ibe und Besic schonten sich und den Gegner keinen Millimeter. Der umsichtige Mann mit der Pfeife Anthony Taylor hatte aber alles bestens im Griff.

Brendan Rodgers sah die ob der Überlegenheit eigentlich verdienten und vor dem Spiel fix eingeplanten drei Punkte langsam aber sicher davonschwimmen. So warf er in der Schlussphase noch Rickie Lambert ins Geschehen, dessen Versuche aber ebenfalls harmlos blieben. Dagegen hätte der aufgerückte Außenverteidiger Seamus Coleman in der 87. Minute fast noch den Lucky Punch für die Hausherren gesetzt. Doch Simon Mignolet entschärfte die beste Chance der Hausherren mit einer Glanzparade.

So blieb es ein torloser Abend im Goodison Park. Beide Mannschaften investierten viel in diesem Derby und konnten sich kämpferisch nichts nachsagen lassen. Doch der fußballerisch große Leckerbissen war dieses erste 0:0 seit knapp 15 Jahren wahrlich nicht.

Mehr Torschüsse, Ballbesitz und gewonnene Zweikämpfe hatte der FC Liverpool, der auch die meiste Zeit die Feldüberlegenheit innehatte. Jedoch fehlte es den Männern von Brendan Rodgers, die spielerische Überlegenheit auch in gefährliche Torchancen aus dem Spiel heraus umzumünzen.

Im Fokus – Steven Gerrard’s letztes Derby

Ein Spieler stand bei diesem 224. Merseyside-Derby im Mittelpunkt. Steven Gerrard, der personifizierte Mr. Liverpool führte bei seinem 33. Derby die Reds zum letzten Mal gegen den Stadtrivalen aufs Feld. Zumindest in der Premier League, in der Europa League könnten die Teams in der laufenden Saison noch einmal aufeinander treffen. In den 2000ern prägte kein Spieler dieses Duell so wie der 34-jährige Local Hero. Zuletzt war der Skipper aber nicht mehr immer erste Wahl. Mit der Power von Jordan Henderson, der Zweikampfstärke von Lucas Leiva und der Kreativität von Philipe Coutinho war das Zentrum in den letzten Wochen von diesen drei Spieler maßgeblich geprägt.

Im ersten Abschnitt blieb die Nummer 8 im offensiven Mittelfeld relativ blass. Doch die ruhenden Bälle beherrscht er auch im fortgeschrittenen Alter noch. Joel Robles konnte seinen Freistoß aus knapp 20 Metern noch aus dem Eck fischen.

In der zweiten Hälfte drehte der Kapitän dann noch einmal auf, wollte sich und seinen Reds den 90. Derbyerfolg bescheren. In der 50. Minute verzichtete Sterling auf den besser positionierten Gerrard quer zu legen, so gab es Eckball. Dieser kam über Umwege zum Kapitän, der per Seitfallzieher abzog, den Naismith per Kopf gerade noch so über das Tor lenken konnte. Fast wäre er aber in der Schlussphase doch noch mit einem Treffer von der Merseyside-Derby-Bühne abgetreten. Bei einem gefühlvollen Weitschuss fehlte es aber an der nötigen Präzession.

Sein 33. und letztes Derby war aber trotzdem sicherlich eines seiner unauffälligsten. Brendan Rodgers tat aber im Sinne der Liverpool-Fans gut daran, der FCL-Lengede noch einmal die vollen 90 Minuten zu gewähren.

The Friendly Derby

Auch wenn man sich – wie am Samstag – am Rasen nichts schenkt, so steht der Respekt vor dem Gegner und deren Fans auf den Rängen in kaum einem Derby so im Mittelpunkt wie in Liverpool. Historisch bedingt gab es auch noch nie viele Gründe für Feindseligkeiten. Die Fangruppen werden weder durch religiöse (wie zum Beispiel in Glasgow), politische oder lokale Gegebenheiten in die jeweiligen Lager geteilt. Außerdem tragen beide Klubs ihre Spiele im Norden Liverpools aus, im sogenannten Stanley Park. Die Heimat der Blauen, der Goodison-Park und die der Roten, die Anfield Road sind nur einen Steinwurf voneinander entfernt.

Zwei traurige Ereignisse ließen die Fans der beiden Lager zuletzt zusammenwachsen. Nach der Tragödie von Hillsborough – 96 Liverpool Anhänger starben auf überfüllten Tribünen – startete das Boulevardblatt „The Sun“ eine Hetzkampagne gegen die Fans des FC Liverpools, indirekt aber gegen die ganze Stadt. So vereinigten sich die beiden Fangruppen unter dem Motto „Don’t buy the Sun“, der sich in der Folge übrigens auch viele andere englische Fußballfans anschlossen. Ein gemeinsamer, rot-blauer Schal der die beiden, etwa eine Meile voneinander getrennt liegenden Stadien verband, schaffte es gar ins Buch der Rekorde. Am Jahrestag der Tragödie wird auch im Goodison Park der Opfer gedacht. Kinder mit rot-blauen Trikots mit der symbolischen Rückennummer 96 und dem Spielernamen „Merseyside United“ tragen den Matchball aufs Feld und Kränze werden abgelegt.

Andererseits wurde 2007 der elfjährige Everton-Fan Rhys Jones auf offener Straße erschossen. Daraufhin lud der FC Liverpool die Hinterbliebenen zum Champions-League-Match an die Anfield Road ein. Am Rasen stehend, bekleidet mit den Fanfarben der Toffees gab’s Standing Ovations von über 40.000 Liverpool-Fans. Aus den Stadionboxen erklang vor Spielbeginn sogar die Einlaufhymne des Erzrivalen „Z-Cars“ von Johnny Todd.

Merseyside United wäre übrigens auch ein trophäenreicher Verein – zumindest theoretisch. Liverpool ist die erfolgreichste Fußballstadt auf der Insel – 27 Meisterschaften, 12 FA Cups und 10 Europapokale gingen an die Merseyside, weit mehr als nach Manchester oder London. Doch in den Vitrinen setzte sich schon etwas Staub an, die letzten 25 Jahre brachten mehr Enttäuschungen als Triumphe. Einen weiteren gemeinsamen Rekord halten die beiden Großklubs aus Liverpool. Kein Stadtderby gab es in der ersten englischen Spielklasse sooft wie jenes in der Stadt an der Merseyside.

Werner Sonnleitner, abseits.at

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Werner Sonnleitner