Dass die englische Premier League drauf und dran ist die bisherigen Gesetze am Transfermarkt neu zu definieren, sollte sich bereits herumgesprochen haben. Dennoch waren... 50 Millionen Euro für einen Teenager | Wer ist Anthony Martial?
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Manchester United - Wappen mit Farben_abseits.atDass die englische Premier League drauf und dran ist die bisherigen Gesetze am Transfermarkt neu zu definieren, sollte sich bereits herumgesprochen haben. Dennoch waren alle überrascht, als Manchester United 50 Millionen Euro für den 19-jährigen Stürmer Anthony Martial bot. Der Vizepräsident des AS Monaco stellte fest, dass sie den jungen Franzosen gerne noch behalten hätten, aber Manchester United ein unglaubliches Angebot machte, dass weder der Verein, noch der Spieler ablehnen konnte. Auch französischen Journalisten, wie etwa BBC-Redakteur Philippe Auclair verschlug es angesichts des Angebots die Sprache. Mit so einer Ablösesumme rechnete niemand.

Manchester City trotz des Martial-Transfers weit spendabler

Trotz des 50-Millionen-Euro-Transfers gab Manchester United in dieser Transferperiode weniger aus, als der Stadtrivale. Neben Martial waren die größten Transfers Morgan Schneiderlein (Southampton, 35 Millionen), Memphis Depay (PSV Eindhoven, 27,5 Millionen), Matteo Darmian (FC Turin, 18 Millionen) und Bastian Schweinsteiger, der gegen neun Millionen Euro Ablöse die Bayern verließ. Angel di Maria nahm hingegen ein Angebot von Paris Saint-Germain an, was 63 Millionen Euro in die Klubkassen spülte, Chicharito wechselte für 12 Millionen Euro nach Leverkusen und die Transfers von Johnny Evans (West Brom, 8,3 Millionen), Robin van Persie (Fenerbahce, 6,6 Millionen) und Nani (6 Millionen) brachten auch noch die eine oder andere Million. Insgesamt gab Manchester United “nur“ 27 Millionen Euro mehr aus, als eingenommen wurde.

Beim Stadtrivalen Manchester City sieht die Lage ein wenig anders aus. Für Kevin De Bruyne (Wolfsburg, 74 Millionen), Raheem Sterling (Liverpool, 62,5 Millionen) und Nicolas Otamendi (44,6 Millionen) griffen die Citizens ganz tief in die Tasche. Weitere Neuzugänge wie Fabian Delph (Aston Villa, 11,5 Millionen), Patrick Roberts (FC Fulham, 7,2 Millionen) und Enes Ünal (Bursaspor, 3 Millionen) waren zumindest deutlich günstiger. City nahm allerdings auch weniger ein als Manchester United: Alvaro Negredo (FC Valencia, 28 Millionen) und Rony Lopes (AS Monaco, 12 Millionen), waren die einzigen Transfers, die zweistellige Millionenbeträge lukrierten. Am Ende beträgt das Transferdefizit ungefähr 135 Millionen.

Dass United auf den letzten Drücker den jungen Stürmer um diese hohe Ablösesumme erwarb, wurde von vielen englischen Medien als Panikkauf ausgelegt, da die Red Devils nach den Abgängen von Chicharito, Robin van Persie und auch Radamel Falcao mit Wayne Rooney nur einen Angreifer im Kader hatte, der auf allerhöchstem Niveau spielen kann. Wir wollen uns nun ansehen, wer dieser Anthony Martial eigentlich ist und was die United-Fans von ihm erwarten dürfen – immerhin kannte selbst Wayne Rooney seinen neuen Mitspieler vor dem Transfer nicht.

Wer ist Anthony Martial?

Anthony Martial wurde am 05. Dezember 1995 geboren und wuchs südlich von Paris auf, in der Vorstadt Massy, die etwa  40.000 Einwohner hat. Seine ersten Schritte als Nachwuchsfußballer bestritt er beim CO Les Ulis, bis er mit 14 Jahren den Olympique-Lyon-Scouts auffiel und kurz darauf in die Nachwuchsakademie des siebenfachen französischen Meisters wechselte. Dort zerschoss er die Konkurrenz, denn  in seinem zweiten Jahr bei seinem neuen Klub erzielte er in der U17-Meisterschaft 32 Treffer in 21 Partien und schaffte damit auch den Sprung in die Auswahl der französischen Nachwuchsnationalmannschaften. Von der U16 bis zur U21 stürmte er für jede Nachwuchs-Nationalmannschaft und erzielte in insgesamt 51 Spielen 25 Treffer.

Nachdem er in der Saison 2012/13 in der B-Mannschaft Lyons fünf Treffer in elf Spielen erzielte durfte er beim Europa-League-Gruppenspiel gegen den Hapoel Ironi Kiryat Shmona FC zum ersten Mal für zehn Minuten bei den Profis Luft schnuppern. Es folgten drei weitere Meisterschaftseinsätze von der Bank.

Ein Schnäppchen für den AS Monaco

Am 30. Juni 2013 gab der AS Monaco die Verpflichtung des jungen Stürmers bekannt. Anthony Martial unterschrieb einen Dreijahresvertrag und Olympique Lyon erhielt fünf Millionen Euro für den Angreifer. Die Lyon-Fans waren keinesfalls glücklich über diesen Abgang und starteten sogar Petitionen, um den damals 17-Jährigen beim Verein zu halten. Der Klub versuchte sich aber finanziell zu stabilisieren und damals erschienen den Verantwortlichen die fünf Millionen für einen so jungen Spieler als gutes Geschäft. Mit diesem Wechsel bekam Martial aber auch eine große Konkurrenz im Sturm vorgesetzt, denn damals standen Akteure wie Radamel Falcao, Dimitar Berbatov, James Rodriguez und übrigens auch Nacer Barazite im Kader der Monegassen. Er erhielt dementsprechend nur wenig Spielzeit und welch schweren Stand er zu Beginn bei seinem neuen Klub hatte, zeigt wohl am besten dieses kurzes Video. Als Martial zum ersten Mal beim AS Monaco eingewechselt wurde, glaubte Falcao seinen Augen nicht, dass er für den jungen Stürmer vom Platz musste.

Im Laufe der Saison stand der Stürmer dann immerhin noch achtmal in der Startaufstellung und wurde zwei weitere Male eingewechselt, wobei er auch seine ersten beiden Tore bei den Profis schoss. Im Januar 2014 verlängerte er seinen Vertrag bis zum Juni 2018, was sich für den AS Monaco eineinhalb Jahre später zweifellos bezahlt machte.

In der vergangenen Spielzeit etablierte sich der Stürmer weiterhin in der Mannschaft, auch weil die interne Konkurrenz kleiner wurde. Dennoch spielte er nur selten über die 90 Minuten durch, sondern wurde meist vorzeitig ausgewechselt, oder kam als Joker in die Partie. Trotz seiner 19 Starteinsätze und 16 Einwechslungen spielte er in seiner gesamten Karriere auf Klubebene nur achtmal (!) über die gesamten 90 Minuten durch. Am Ende der Saison standen aber immerhin neun Treffer – davon zwei Elfmeter – auf seinem Konto. Beim 4:1-Sieg im U21-Nationalspiel gegen die Niederlande trug er sich zudem Ende März ebenfalls zweimal in die Torschützenliste ein. Seine Leistungen überzeugten jedenfalls die Verantwortlichen von Manchester United, die gegen Ende der Transferzeit mit dem 50-Millionen-Angebot schwere Geschütze auffuhren.

Ein junger Thierry Henry?

In seiner Heimat wird Anthony Martial aufgrund seines Spielstils immer wieder mit Thierry Henry verglichen. Er ist sehr schnell, hat einen bemerkenswerten Antritt und einen guten Zug zum Tor. Aufgrund seiner starken Physis, Martial setzt perfekt seinen Oberkörper ein, ist er nur schwer vom Ball zu trennen. Ein gutes Beispiel ist das Laufduell gegen Arsenal-Außenverteidiger Hector Bellerin, der in der Premier League als einer der allerschnellsten Abwehrspieler gilt.

Martial ist beidbeinig, sucht oft den Abschluss und verfügt über einen ausgeprägten Torinstinkt, wobei er in seiner ersten Zeit als Profi noch zu oft auf seine Nebenspieler vergaß, was sich aber zuletzt besserte. Er zeigt immer wieder enorme Kreativität bei seinen Abschlüssen und hatte gute Ideen – egal ob satte Schüsse ins Kreuzeck, oder gefühlvolle Heber über den Tormann: Der präzise Abschluss ist neben seiner Geschwindigkeit seine stärkste Waffe. Schwächen hat er allerdings noch bei der Ballverarbeitung. Die erste Berührung ist auf unsauber und seine Stärken liegen nicht im Pass- bzw. Kombinationsspiel. Er arbeitet am Spielfeld hart für seine Mannschaft und mit seinem Teamkollegen Wayne Rooney hat er gemeinsam, dass er sich immer wieder weit zurückfallen lässt, um die Bälle aus dem Mittelfeld zu holen, was aber auch dazu führen kann, dass die gefährlichen Zonen im gegnerischen Strafraum nicht ausreichend besetzt sind. Zu Beginn kritisierte man in Monaco seine Trainingsleistungen und meinte, dass der junge Angreifer seinen Beruf auf die leichte Schulter nahm. Hier hat es aber ein Umdenken seitens des Spielers gegeben und in der letzten Saison wurde ihm attestiert, dass er sich sowohl auf dem Platz, als auch beim Training zu hundert Prozent ins Zeug warf.

Louis van Gaal versucht die hohen Erwartungen im Vorfeld zu dämpfen und betont, dass der junge Angreifer einige Zeit benötigen wird. Angesichts der hohen Ablösesumme werden ihm die Medien diese aber nur zögerlich zugestehen und auch die Personalsituation im Sturm verlangt es, dass Martial den Vorschusslorbeeren bald gerecht werden wird. Manchester United hat sich in jedem Fall einen hochtalentierten Angreifer geangelt, der über alle Voraussetzungen verfügt, in der Premier League einiges an Aufsehen zu verursachen. Ob die hohe Ablösesumme gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage.

Stefan Karger, www.abseits.at

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Stefan Karger