Kaum ein Club im europäischen Spitzenfußball legte in den letzten Jahren einen vergleichbaren Absturz hin. Vom Champions-League-Halbfinale direkt in die Bedeutungslosigkeit, immer am Rande... Vom Champions-League-Halbfinale in die Drittklassigkeit! Die irre Achterbahnfahrt des FC Leeds
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SpielszeneKaum ein Club im europäischen Spitzenfußball legte in den letzten Jahren einen vergleichbaren Absturz hin. Vom Champions-League-Halbfinale direkt in die Bedeutungslosigkeit, immer am Rande des Abgrunds tanzend. Das ist der Leeds United Football Club.

Das Drumherum passt eigentlich ganz gut in der junggebliebenen, englischen Studentenstadt. Treue Fans die mit ihrem „Glory Glory Leeds United“ bedingungslos hinter ihren Mannen stehen, ein stimmungsvolles großes Stadion und irgendwie doch auch eine große Vergangenheit. Nur die Wahrheit liegt ja bekanntlich auf dem Platz bzw. im hier und jetzt. Dort ist der FC Leeds momentan weit weg von Spitzenfußball.

Eine bereits verstaubte, goldene Ära

Die erfolgreichste Ära liegt schon etwas zurück und hängt unmittelbar mit dem Namen Don Revie zusammen. Der Erfolgstrainer führte den FC Leeds Ende der Sechziger an die englische Spitze. 1969 und 1974 wurde man englischer Meister. 1968 holte man das Cup-Double aus Liga-Cup und Messepokal, den man 1971 gleich noch einmal gewinnen konnte. Auch der FA Cup wanderte 1972 ans Ufer der Aire. Zweifelsohne eine erfolgreiche Zeit würde man auf den ersten Blick meinen. Aber der treue Leeds-Supporter musste damals schon zahlreiche bittere Enttäuschungen verdauen. Gleich fünfmal wurde man in dieser Zeit Vizemeister, dazu fünf Cup-Finalniederlagen. 1974 wurde dann auch noch der Meistercoach zu den Three Lions befördert und Leeds versank wenig später wieder im Mittelmaß. 1975 hätte sein Nachfolger doch noch fast der „goldenen Generation“ deren Krönung beschert, doch der FC Bayern München machte im Finale des Europapokals der Landesmeister dem FC Leeds einen Strich durch die Rechnung. Cup-Finalniederlage Nummer 6 war wohl die bitterste. Und gleichzeitig auch der endgültige Schlussstrich unter der erfolgreichsten Ära an der Elland Road.

Es dauerte bis Anfang der Neunziger bis der Verein wieder richtig glänzen konnte! 1992 holte man überraschend die Premier League in die Midlands, der bislang letzte Pokal für die „Whites“. Das Debüt in der Champions League endete früh und auch in der Meisterschaft fand man sich bald nur mehr im Tabellenkeller wieder. Ein kurzes Aufflackern eines ehemals doch so stolzen Vereins.

Die Kurve doch wieder gekratzt

Doch dann schrieb ein Ire seine Erfolgsgeschichte. David O’Leary nennt sich der fähige Mann, der die talentierten Youngsters aus der eigenen Akademie erfolgreich zu einer richtig starken Profimannschaft formte. Spätere Stars wie Harry Kewell, Alan Smith, Lee Bowyer oder Jonathan Woodgate schafften in dieser Zeit den großen Durchbruch. Zu Beginn der 2000er Jahre konnte Leeds auch international wieder aufzeigen. Im UEFA Cup scheiterte man erst im Halbfinale an Galatasaray Istanbul. Überschattet wurde das Spiel aber vom Tod zweier englischer Fans, die in der Türkei erstochen wurden.

Doch der Erfolgslauf auf dem Platz ging unter O’Leary ungebremst weiter. Im darauffolgenden Jahr schaffte man die Qualifikation zur Champions League. Im Playoff war der Gegner damals übrigens ein gewisser TSV 1860 München, dem ebenso wie den Engländern nach dem Höhenflug zur Millenniumszeit der sportliche und wirtschaftliche Absturz folgen sollte. In einer Hammergruppe warteten dann der FC Barcelona, Besiktas Istanbul und der AC Milan auf die Greenhorns von der Insel. Doch etwas überraschend schaffte man den Aufstieg in die Zwischenrunde, die damals ebenfalls im Gruppenmodus ausgetragen wurde. Mit Real Madrid, Lazio und Anderlecht sollte auch diese Gruppe nicht wirklich einfacher werden. Auch hier konnte man sich durchsetzten, genauso wie im Viertelfinale gegen Deportive La Coruna. Erst im Halbfinale war dann gegen den FC Valencia Schluss.

Neben den bereits erwähnten eigenen Talenten, glänzten dazu auch Mark Viduka, Rio Ferdinand, Robbie Keane oder David Batty. Mit Robbie Fowler und Seth Johnsson wurden dazu noch echte Kracher in die Midlands geholt. So spielte an der Elland Road eine der vielversprechendsten Mannschaften des europäischen Fußballs dieser Zeit. Doch diese Truppe hatte auch ihren Preis und der war – wenig überraschend – nicht gerade billig. Präsident Peter Ridsdale hatte bereits die Einnahmen aus der folgenden Champions-League-Saison fix einkalkuliert, aber noch schlimmer: bereits ausgegeben. Doch mit dem Millionenregen wurde es nichts, weil die Qualifikation verpasst wurde. Der Niedergang des FC Leeds war damit eingeleitet. Der exzentrische Präsident vertrieb den ehemaligen Erfolgscoach und musste seine Superstars Rio Ferdinand und Jonathan Woodgate verkaufen – zwecks Schuldenrückzahlungen. Erst am letzten Spieltag konnte Feuerwehrmann Peter Reid den Abstieg aus der Premier League noch rauszögern – der Niedergang des stolzen Traditionsclubs war da aber schon längst besiegelt. Und das nur knapp zwölf Monate später, nachdem man unter den letzten 4 der europäischen Königsklasse stand.

Ein beispielloser Niedergang – vom CL-Halbfinale in die Drittklassigkeit

Die wirtschaftliche Situation war mittlerweile so schlecht, dass bereits ein Insolvenzspezialist den Verein führte. Spieler und Immobilien wurden verscherbelt, der logische Abstieg in die zweite Liga folgte 2004. In den beiden Saisonen davor wurden drei Präsidenten und vier Trainer verbraucht.

2006/07 ging der Sturzflug munter weiter – finanzielle „Unregelmäßigkeiten“ brachten einen 10-Punkte Abzug, der FC Leeds stieg in die dritte Liga ab. Weitere Finanzskandale rund um den mittlerweile hochverschuldeten Klub kamen auf, so startete man in der dritten Liga mit 15 Minuspunkten. Erst seit 2010 ist der Verein immerhin wieder zurück in der Championship – der zweiten englischen Liga.

Doch für den leidgeprüften Fan gibt es bis heute keinen wahren Grund zum Aufatmen. Der Wahnsinn geht munter weiter. Anfang 2014 erreichte er einen neuen Höhepunkt, als sich der Italiener Massimo Cellino den Verein kaufte.

Nachdem der ehemalige Präsident von Cagliari im Dauerclinch mit der italienischen Justiz lag, der in einer Verhaftung gipfelte (unter anderem wegen Steuerbetrug beim Kauf seiner Luxusjacht), trennte er sich nach über 20 Jahren vom Serie-A Klub, kehrte seiner Heimat den Rücken und heuerte an der Elland-Road an. Die englische Liga wollte zwar den Einstieg des skandalumwitterten Italieners unter allen Umständen verhindern, doch schließlich klagte er sich doch erfolgreich an die Spitze des Vereins.

Leeds United heute – Immer gut für skurrile Schlagzeilen

36 Trainer verbrauchte Cellino während seiner 22 jährigen Amtszeit bei Cagliari. Als Einstandsgeschenk in Leeds feuerte er Coach McDermott noch vor dem ersten Spiel! Einleuchtende Begründung: „Erster Eindruck“. Doch nach Fanprotesten ruderte er zurück und stellte ihn wieder ein – quasi als seinen eigenen Nachfolger. Zumindest kurzfristig, weil nur für die nächsten drei Spiele! Dann wurde er wieder entlassen, dieses Mal aber endgültig. So wurde sein Assistent unverhofft zum Cheftrainer befördert, was sowohl die beiden betroffenen Trainer, als auch die Fans einigermaßen irritierte. In den folgenden elf Monaten wurden noch drei weitere Trainer in die Wüste geschickt, schließlich sind sie ja wie Melonen – man sieht erst was in ihnen steckt, wenn man sie öffnet. So zauberte er unter anderem einen gewissen Dave Hockaday aus dem Ärmel. Noch nie gehört? Kein Problem, so ging es auch den Fußballexperten auf der Insel. Nach zwei Monaten war auch der wieder Geschichte. Weil nämlich Darko Milanic von Sturm Graz an die Elland Road gelotst wurde – für immerhin stolze 32 Tage. Momentan hält sich sein Nachfolger Neil Redfearn ganz gut, er ist immerhin noch aktueller Coach des FC Leeds.

Vielleicht liegt die neu entdeckte „Konstanz“ an der Betreuerbank aber auch nur daran, weil der Italiener momentan gar nicht im Amt ist. Besser gesagt im Amt sein darf! Der Verband sperrte Cellino Anfang Dezember 2014 dann doch noch. Ein fünfmonatiges Berufsverbot wurde ihm auferlegt, die Strafverfahren in seiner Heimat ließen ihn durch den „Owners-Test“ fliegen. Wieder berief der Präsident, dieses Mal jedoch erfolglos. So ist er nun bis April von den Aktivitäten bei Leeds United ausgeschlossen. Doch die Fans, die sogar per Petition das Urteil anfechten wollten, stehen trotzdem hinter ihrem Präsidenten. Immerhin könnten ohne den Geschäftsmann an der Elland Road bald endgültig die Lichter ausgehen. Neben einer Transfersperre fehlt es wieder am nötigen Geld, auch sportlich liegt man weit hinter den eigenen, vergangenen Ansprüchen. Keine guten Voraussetzungen für den jeden Sommer selbsternannten Aufstiegsaspiranten.

Doch wenigstens am Rasen konnte man sich zuletzt stabilisieren. Startete man das Jahr 2015 in akuter Abstiegsnot, gelang den „Whites“ fortan ein wahrer Befreiungsschlag. Von den letzten zehn Spielen wurden acht gewonnen. Damit rangiert man jetzt in der Tabelle im gesicherten Mittelfeld auf Rang 13. Zwar ohne große Gefahr von unten, aber auch ohne Ambitionen nach oben. Fix ist damit jetzt schon, dass die Fans auch im nächsten Jahr an der Elland Road Championship Fußball sehen werden. Weniger fix ist aber, ob Neil Redfearn zu diesem Zeitpunkt noch an der Outlinie stehen wird. Und überhaupt noch nicht abzusehen ist, mit welchen Schlagzeilen der FC Leeds in den kommenden Monaten seine Fans wieder auf die Probe stellen wird.

Glaubt man den Insidern in den Fan-Foren, arbeitet die Akademie jetzt wieder ganz gut. Die neuen Vidukas´ oder Ferdinands stehen anscheinend schon in den Startlöchern. Doch sie sollten schleunigst einschlagen, bevor es zu spät ist. Die Zeit tickt gegen den Traditionsclub am Ufer der Aire, eine Zukunftsprognose zum jetzigen Zeitpunkt wäre nur pure Spekulkation.

Wiederholt sich die Geschichte und die „Whites“ kratzen noch einmal die Kurve? Oder ist es eher doch nur Zweckoptimismus an dem sich der leidgeprüfte Leeds-Fan klammert? Auf jeden Fall würde ein gesundeter und sportlich wieder konkurrenzfähiges FC Leeds auch der Premier League gut tun. Dort möchte man auch unbedingt wieder hin, könnte man ja mit den neuen, bizarren TV-Verträgen für Entspannung in den klammen Klubkassen sorgen.

Werner Sonnleitner, www.abseits.at

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Werner Sonnleitner