Der Worst Case, mit dem sich in unserem Land niemand so richtig auseinandersetzen wollte, ist also eingetreten. Die „Europhorie“ rund um die Koller-Elf ist... Der beschissene fünfte EM-Tag: Einer der Tage, an dem alles zusammenkommt
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_Lars Lagerbäck - IslandDer Worst Case, mit dem sich in unserem Land niemand so richtig auseinandersetzen wollte, ist also eingetreten. Die „Europhorie“ rund um die Koller-Elf ist nach dem schwachen Auftritt gegen Ungarn wie weggeblasen. Weite Teile Österreichs sind wieder „österreichisch“. Und am Abend zeigte Island vor, wie’s geht.

Es begann doch so gut! Nicht mal eine Minute war gespielt, als David Alaba den Ball an die Stange setzte. Österreich würde Ungarn über kurz oder lang ein paar Tore reinmachen. So wirkte es zumindest. Aber es dauerte nicht lange, bis sich die Ungarn fingen und sich auf die Österreicher einstellten.

Ungarn kämpften sich die Seele wund

Hätte man das erste Spiel des Turniers gegen einen anderen Gegner, etwa die Portugiesen, derart in den Sand gesetzt, würde es vermutlich nicht derart schmerzen. Schlussendlich waren’s tatsächlich „nur“ die Ungarn, die mit denselben Voraussetzungen ins Turnier gingen, ebenfalls keine Erfahrung bei Großereignissen haben, ebenso nervös sein müssten. Der eine Unterschied ist der, dass Österreich die klar besseren Kicker als die Ungarn hat – der andere und entscheidende Unterschied war aber, dass unsere Nachbarn um jeden Ball fighteten, als ginge es um ihr Leben.

Kollers Fehler

Wenn bei Österreichs erster Pflichtspielniederlage seit über 2 ½ Jahren (!) eine Sache wurmte, dann war es das ängstliche, teilweise aber auch arrogante Spiel und die Körpersprache einiger Akteure. Marcel Koller muss sich dennoch Kritik gefallen lassen, denn einige Entscheidungen hätte der Teamchef lieber nochmal durchdacht. So hatte es den Anschein, dass Martin Harnik eher aus Dankbarkeit über das Erreichte spielte. Daran, dass er aktuell stärker ist als Alessandro Schöpf kann’s nicht gelegen haben. Und dass Marc Janko schlichtweg nicht fit ist, sah man mit freiem Auge nach wenigen Minuten. Trotzdem handelt es sich hier um „schwierige“ Kritik: Hätte Alaba nach einer Minute getroffen und Österreich das Spiel mit 1:0 gewonnen, wäre trotzdem „alles richtig“ gewesen. So ist das nun mal bei einem Großereignis, bei dem es in derart wenigen Spielen um die Wurst geht.

Wenn du die Scheisse am Fuß hast…

Und wenn du mal nicht gut bist und jeder Schritt den du nach vorne gehen willst schwer fällt, dann kommt an diesen Tagen manchmal auch Pech dazu. Alabas bereits erwähnter Stangenschuss, Junuzovic‘ Sprunggelenksverletzung, die wohl einem frühen EM-Aus gleichkommt, Dragovic‘ viel zu harte Gelb-Rote, die wir anstelle des Ausgleichs bekamen. Der französische Schiedsrichter zeigte zwar die wahrscheinlich schwächste Schirileistung beim bisherigen Turnier, aber bevor man sich auf ihn ausredet, hält sogar die erwähnte Pechsträhne besser als Ausrede.

Mund abputzen und nach vorne schauen

Und da sind wir wieder, am Boden der Realität. Bis zum samstäglichen Aufeinandertreffen mit Portugal müssen wir wieder aus den Köpfen rausbekommen, dass wir eh nur der peinliche Passagier sind, der kein Tor und keinen Punkt machen wird. Wir sprechen hier von einem Großereignis und das Blatt kann sich schnell wenden. Als Spanien 2010 den ersten Weltmeistertitel der Landesgeschichte einfuhr, verlor die Elf von Vicente del Bosque ihr erstes Spiel gegen die Schweiz mit 0:1. Es sind noch immer sechs Punkte zu vergeben und wenn Österreich diese macht, dann geht die Reise weiter und niemand wird mehr nach dem Ungarn-Spiel fragen.

Wenn isländische Blicke töten könnten

Was alles möglich ist, zeigte eine Stunde nach dem österreichischen Bauchfleck die isländische Nationalelf. Die kühlen Wikinger hatten keine 30% Ballbesitz, lagen mit 4:26-Schüssen bzw. –Torversuchen hinten und brachten nur 57% ihrer Pässe an den Mann. Aber die Elf von Lars Lagerbäck gewann ihre Duelle, war bärenstark in der Luft und wenn es die Möglichkeit gegeben hätte, Cristiano Ronaldo und Co. mit Blicken zu töten, wäre es den Nordmännern eine Freude gewesen. Der krasse Außenseiter von der 330.000-Einwohner-Insel trotze Portugal einen Punkt ab.

Island hätte verlieren „dürfen“

Angetrieben vom beinharten Kapitän Áron Gunnarsson, der so aussieht, als hätte er in der Früh zur Spielvorbereitung noch schnell ein Kriegsschiff gebaut, setzte man den Portugiesen alles entgegen, was man hatte. Die Art und Weise wie Österreich verlor, stößt den Fans sauer auf – hätte Island gestern doch noch verloren, hätten es die knapp 10% der isländischen Bevölkerung, die sich aktuell in Frankreich aufhalten, jubelnd akzeptiert. Es kommt eben immer aufs „Wie“ an und diesbezüglich sah man bei den gestrigen Partien große Kontraste.

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Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen