Das österreichische Nationalteam trifft bei der Europameisterschaft in Frankreich auf die Auswahlen aus Portugal, Island und Ungarn. abseits.at hat eine ausführliche Kaderanalyse zu jedem... Lückenbüßer für die nächste goldene Generation: Das ist die Nationalmannschaft von Portugal
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Cristiano Ronaldo Portugal_abseits.atDas österreichische Nationalteam trifft bei der Europameisterschaft in Frankreich auf die Auswahlen aus Portugal, Island und Ungarn. abseits.at hat eine ausführliche Kaderanalyse zu jedem dieser Teams. In diesem Artikel sehen wir uns Portugal an, das als Favorit auf den ersten Platz in Gruppe F ins Turnier geht.

Es gibt wohl keine Nation, die den Begriff der „goldenen Generation“ so geprägt hat wie Portugal. Der damaligen Mannschaft um Luis Figo und Rui Costa blieb ein Titel verwehrt – ebenso ihren Nachfolgern bis jetzt. Die Ergebnisse in den Nachwuchsteams deuten an, dass es schon bald einen weiteren hoffnungsvollen Jahrgang geben wird. Das A-Team wurde nach dem Vorrundenaus bei der letzten WM etwas umstrukturiert und wirkt wie ein Lückenbüßer für eben jene neue goldene Generation.

Kein eindeutiges System unter Santos

Der aktuelle Teamchef der Portugiesen ist Fernando Santos. Der 61-Jährige wurde eingestellt nachdem man zum Auftakt der Qualifikation gegen Albanien verloren hatte. Unter ihm gewann Portugal anschließend alle restlichen Spiele und qualifizierte sich als Gruppensieger direkt für die Endrunde in Frankreich. Obwohl man Portugal in der Vergangenheit mit spektakulärem Offensivfußball in Verbindung brachte, so steht Santos für Pragmatismus und Minimalismus. Gerade während seiner vierjährigen Amtszeit als griechischer Teamchef konnte man das erkennen. Alle sieben Siege in der Qualifikation wurden mit einem Tor Unterschied eingefahren.

Eine klare, vorhersagbare Grundformation findet man bei Portugal nicht. Santos wechselte immer wieder zwischen einem 4-3-3 und einem 4-4-2. Letzteres wurde allerdings in allen EM-Testspielen als Ausgangsformation gewählt und könnte somit auch bei der EM das primäre System sein. Die taktischen Abläufe der Portugiesen sind recht simpel, wenngleich sich die Offensivspieler sehr viel bewegen. Durchbrüche gibt es in erster Linie aufgrund von individuellen Aktionen und nicht über saubere Kombinationen.

Der Tormann

Im Tor wird bei der EM wohl Rui Patricio die Nummer eins sein. Der 28-Jährige stand bereits bei den letzten beiden großen Turnieren für sein Land zwischen den Pfosten. Er versucht sich zwar immer wieder aktiv ins Spiel einzubringen und mitzuspielen, offenbart dabei aber ab und an Mängel. Beschränkt er sich auf die klassischen Disziplinen ist er allerdings ein sehr sicherer Rückhalt.

Ein etwas moderner Keeper ist sein Ersatzmann Anthony Lopes, der eine bessere Strafraumbeherrschung zu haben scheint. Es ist durchaus möglich, dass der 25-jährige Lyon-Legionär Patricio bald verdrängt. Analog wie es dieser mit Eduardo tat. Der 33-Jährige, der bei der WM 2010 die Nummer eins war, ist aktuell dritte Wahl.

Die Innenverteidigung

Im Abwehrzentrum setzt Santos auf Routine, denn alle vier Innenverteidiger sind über 30 Jahre alt. Gesetzt ist Real-Spieler Pepe, der zwar über seinem Zenit ist, aber nach wie vor ein sehr unangenehmer Gegenspieler ist. Der 33-Jährige greift auch mal zu unsportliche Mittel um die gegnerischen Stürmer zu zermürben. Im Spielaufbau schiebt er, ähnlich wie im Verein, die Verantwortung seinen Mitspielern zu.

Wer an der Seite des 70-fachen Internationalen auflaufen wird, ist noch nicht klar. Es ist durchaus möglich, dass Santos hier rotieren wird. Prinzipiell wäre Ricardo Carvalho wohl die beste Lösung um den temperamentvollen Pepe zu ergänzen. Der aktuelle Monaco-Legionär verfügt nämlich über ein außergewöhnlich starkes Stellungsspiel und kann das Spiel extrem gut lesen. Andererseits ist der einstige Titelhamster bereits 38 Jahre alt und wird nach bereits 48 Pflichtspielen in dieser Saison eine komplette Endrunde wohl kaum mitmachen.

Als Alternative zum ruhigen Carvalho haben die Portugiesen mit Bruno Alves einen weiteren Heißsporn in der Hinterhand. Erst kürzlich machte der Neo-Cagliari-Akteur mit einem brutalen Foul im Freundschaftsspiel gegen England wieder negative Schlagzeilen. Andererseits ist er trotz seiner 34 Jahre ähnlich wie Pepe noch immer recht agil, womit man die Verteidigung weiter nach vorne schieben könnte.

Mit 32 Jahren ist Jose Fonte die jüngste Option und auch mit Abstand der unerfahrenste Innenverteidiger im Kader. Erst zehnmal durfte der Southampton-Kapitän das Teamtrikot überstreifen. Er dürfte allerdings ein Spielertyp sein, den Santos gerne hat, denn erst dieser holte ihn ins Nationalteam. Und Fonte zahlte dieses Vertrauen mit durchgehend soliden bis sehr guten Leistungen zurück. Seine Aktionen wirken überlegter und besser getimt als jene von Pepe und Alves, sodass auch er realistische Chancen auf Einsatzminuten hat.

Die Außenverteidigung

Auf den defensiven Außenbahnen schien es bis vor kurzem eine klare Hierarchie zu geben, doch auch hier konnten die vermeintlichen Ersatzleute in den jüngsten Testspielen mit guten Leistungen Druck auf ihre Mitspieler aufbauen. Ein Kandidat ist Vieirinha. Der 30-jährige Wolfsburger war eigentlich ein durchaus dynamischer Flügelspieler, machte aber als Rechtsverteidiger die meisten Schlagzeilen. Er war schon bei PAOK ein Schützling Santos‘ und dürfte die besten Karten haben.

Auf der linken Seite spielte während der Qualifikation am häufigsten Eliseu, der wie Vieirinha einst als Flügelspieler den Durchbruch als Profi schaffte. Auch er ist ein eher kleiner, explosiver, dribbel- sowie kombinationsstarker Akteur und bereits über 30 Jahre alt. Während er im Offensivspieler daher durchaus variabel ist, verursacht sein Stellungspiel in der Defensive oft gefährliche Aktionen.

Beim 22-jährigen Raphael Guerreiro vom FC Lorient sieht dies anders aus. Dieser hat zwar erst sechs Länderspiele am Buckel, in denen er übrigens bereits zwei Tore erzielte, jedoch weiß er die Rolle als Linksverteidiger defensiv sicherer zu interpretieren. Am Ball ist er zudem ebenfalls mutig und überzeugt zudem mit hoher läuferischer Kapazität. Gerade im Umschaltspiel und mit langen Sprints kann er die gegnerischen Spieler vor Probleme stellen.

Cedric Soares ist wohl die unscheinbarste Option, da er weniger über seine Athletik ins Spiel kommt und nicht so spektakulär agiert wie Vieirinha und Eliseu. Der 24-Jährige ist vielmehr ein sachlicher Spieler, der allerdings mit seinen Pässen Chancen direkt einleiten kann und eine starke Saison bei Southampton hinter sich hat.

Das zentrale Mittelfeld

Obwohl er seit über 10 Jahren bereits fixer Bestandteil im portugiesischen Kader ist, hat sich Joao Moutinho erst relativ spät als unverzichtbarer Stammspieler herauskristallisiert. Der 29-Jährige ist der Taktgeber im defensiven Mittelfeld, überzeugt mit seinem strategischen und vielseitigem Pass- sowie Positionsspiel. Gerade wenn die Portugiesen in einer 4-4-2-Ordnung spielen sind seine Eigenschaften als Verbindungsspieler gefragt. Allerdings ist nicht nur die Karriere Moutinhos in den letzten Jahren etwas ins Stocken geraten, auch innerhalb des Nationalteams scheint er nicht mehr unantastbar.

Der erste Herausforderer von Moutinho auf der Achterposition ist Adrien Silva, der durchaus als Symbolbild für den aktuellen Status der portugiesischen Nationalteams steht. Trotz seiner 27 Jahre absolvierte er nämlich erst acht Länderspiele, was allerdings keinesfalls als Rückschluss auf seine Qualität zu werten ist. Im Gegensatz zu Moutinho ist er ein eher kleinräumiger Akteur, der sich vertikaler bewegt und häufiger zu Dribblings greift. Zuletzt wurde er wohl deshalb auch als verkappter Flügelspieler eingesetzt.

Um die Sechserposition gibt es ebenfalls einen Zweikampf. Auf der einen Seite steht William Carvalho zur Auswahl, der während der letzten Transferperioden immer wieder mit europäischen Topklubs in Verbindung gebracht wurde. Der 24-Jährige Sporting-Mittelfeldspieler ist ein athletisch überaus starker Mann, der im Nationalteam in erster Linie als Balleroberer eingesetzt wird. Bei seinem Klub agiert er offensiver und pendelt häufig nach vorne.

Carvalhos Konkurrent ist der gleichaltrige Danilo Pereira vom FC Porto. Danilo ist ebenfalls jemand, bei dem die Physis dominiert. Obwohl er sehr schlaksig wirkt, verfügt er über einen mehr als brauchbaren Antritt und kann bei Bedarf auch als Innenverteidiger aufgeboten werden. Während sein Stellungs- und Antizipationsspiel wohl über jenes von Carvalho anzusiedeln ist, muss Danilo im Passspiel allerdings Abstriche machen. Wer von den beiden spielt, könnte vom Gegner abhängen.

Wichtige Erfahrung dürfte Renato Sanches sammeln. Vor kurzem schnürte der FC Bayern ein durchaus kostspieliges Paket um den 18-Jährigen von Benfica loszueisen – ein klares Zeichen, das seine großen Anlagen unterstreicht. Aktuell kann er vor allem mit einer für sein Alter außerordentlichen Physis punkten. Auch wenn er wohl keine tragende Rolle spielen wird, so wird man aufgrund des genannten Transfers seinen Namen während der EM regelmäßig hören.

Die Flügelspieler

Eine interessante Wahl traf Santos bei der Selektion der Flügelspieler. Es scheint nämlich so, dass er sich hier die Optionen für die beiden eingangs erwähnten Systemen offenhalten wollte. Im Wesentlichen gibt es zwei unterschiedliche Spielertypen im Kader. Auf der einen Seite sind das verkappte Flügelspieler, die auch zentral als vertikal pendelnde Akteure eingesetzt werden können.

Der Spieler, der in beiden Fällen einen Platz in der ersten Elf haben dürfte ist Andre Gomes von Valencia. Der 22-Jährige ist kein überaus spektakulärer Spieler, öffnet aber mit seinen Bewegungen regelmäßig Räume für seine Mitspieler und verfügt über eine sehr saubere Technik. Er steht zwar erst bei sechs Länderspielen, hat aber zweifellos das Zeug die EM zum nächsten Karriereschritt zu nutzen und ein wichtiger Akteur einer potenziellen neuen goldenen Generation zu werden.

Wie Gomes sind auch Rafa Silva und Joao Mario Spielertypen, die sich viel bewegen und als Zuarbeiter fungieren. Sie unterstützen bei Kombinationen in den Halbräumen und am Flügel, wurden teilweise auch im zentralen offensiven Mittelfeld bzw. als hängende Spitze eingesetzt. Durch ihren im Vergleich mit anderen portugiesischen Offensivspielern hohen Laufaufwand ist diese Variante vor allem dann sinnvoll, wenn man gegen ein ballbesitzorientiertes Team spielt.

Der Angriff

Die zweite Art von Flügelspieler, die Portugal im Kader hat, sind klassische Flügeldribbler bzw. Außenstürmer. Im Zuge eines 4-4-2 ist anzunehmen, dass sie das Sturmduo bilden. Einer von ihnen ist natürlich Cristiano Ronaldo, der Superstar im Team und jener Spieler, von dessen Toren die Portugiesen maßgeblich abhängig sein. Dass sich Santos offenbar noch nicht auf ein System festgelegt hat, könnte auch damit zusammenhängen, dass er die optimale Rolle für seinen Starspieler noch nicht gefunden hat. Nämlich in dem Sinne, dass die Ergebnisse weniger mit seinen Leistungen korrelieren.

Während Cristiano Ronaldo seine einst oft ineffektive Spielweise bei Real längst ableget hat, hadern die beiden weiteren Alternativen genau mit eben diesem Problem. Nani konnte gerade deshalb nie aus dem Schatten seines Landsmanns treten und kickt mittlerweile nur mehr in der Türkei. Analoges gilt für Ricardo Quaresma, der sein außerordentliches Ballgefühl oft falsch dosiert einsetzt.

Taktisch bietet ein Angriffsduo mit solchen Spielertypen nichtsdestotrotz interessante Möglichkeiten. Die Portugiesen nutzen es meist so, dass die beiden Stürmer die Schnittstellen der gegnerischen Abwehr bearbeiten, dann mit Steilpässen eingesetzt werden und schnell abschließen. Aufgrund der Antrittsstärke und technischen Fertigkeiten der erwähnten Spieler ein durchaus probates Mittel. Als Plan B gibt es mit dem 28-jährigen Eder von Lille einen klassischen Strafraumstürmer, der aber den einstigen Angreifern der goldenen Generation wohl nicht das Wasser reichen kann.

Alexander Semeliker, abseits.at

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Alexander Semeliker

@axlsem