Die österreichischen Klubs kämpfen heute wieder in der UEFA Europa League um Punkte. Salzburg steht nach zwei Niederlagen mit dem Rücken zur Wand und... Favres toporganisierter Underdog: Das ist der OGC Nizza!
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Frankreich - Flagge_abseits.at

Die österreichischen Klubs kämpfen heute wieder in der UEFA Europa League um Punkte. Salzburg steht nach zwei Niederlagen mit dem Rücken zur Wand und muss gegen die Gäste aus Nizza dringend anschreiben, um noch eine Chance auf den Aufstieg zu haben. Aber auch die Südfranzosen stehen noch punktelos da und sind auf einen Sieg in der Mozartstadt angewiesen.

Die großen Jahre des OGC Nizza liegen bereits einige Jahre zurück. In den 50er-Jahren wurde Nizza viermal französischer Meister und zweimal Cupsieger. 1997 gelang der dritte Cupsieg. Der vielversprechende Start in die Saison 2016/17 lässt die Fans des OGC vom ersten Meistertitel seit 58 Jahren träumen.

Favre brachte die Wende

Garant für den Erfolg soll der neue Trainer sein: Lucien Favre übernahm Nizza vor der Saison und führte alsbald sein taktisch enorm straffes Konzept ein. Die Zwischenbilanz kann sich sehen lassen: Nach neun Runden steht Nizza mit 23 Punkten und ohne Niederlage an der Tabellenspitze. Das Team musste erst fünf Gegentreffer hinnehmen und besiegte zuletzt den Champions-League-Starter aus Lyon mit 2:0. Eine gute Auslosung spielte dem Underdog in die Karten: Von neun Ligaspielen fanden sechs zu Hause statt, erst drei auswärts.

Seltenes Vergnügen Europacup

In der vergangenen Saison wurde Nizza Vierter – davor sah die Sache aber weniger rosig aus. Einmal beendete man die Saison als Elfter, einmal auf Platz 17, nur zwei Punkte vor einem Abstiegsplatz. Die aktuelle Saison ist für den geneigten Nizza-Fan also eine Umstellung positiver Natur. Auch die Europa League Gruppenphase ist ein ungewohntes Szenario. Seit der Jahrtausendwende spielte Nizza nur dreimal europäisch, davon zweimal im wenig bedeutenden UI-Cup. 2014 scheiterte man im Europa-League-Playoff am zyprischen Vertreter Apollon Limassol.

Keine Duelle mit Österreichern

Insgesamt spielte Nizza in der mittlerweile 112-jährigen Vereinsgeschichte nur zehnmal im Europacup. 1960 erreichte der Verein das Viertelfinale des Meisterpokals, wo trotz eines Heimsieges über Real Madrid Endstation war. Auch drei Jahre zuvor scheiterte man in derselben Runde am übermächtigen weißen Ballett. Duelle mit österreichischen Klubs gab es bisher keine.

Krasnodar als einziger Ausrutscher

Das Spiel des OGC Nizza ist Favre-typisch, formativ nicht festgefahren. So spielte man zuletzt stets mit Dreier- bzw. situativer Fünferkette, startete allerdings auch mit Systemen mit Viererabwehrkette in die Saison. Beides erwies sich als erfolgreich, das Spielermaterial lässt Favre aber aktuell auf die defensiv stabilere Dreierkette setzen. Das glatte 2:5 in Krasnodar war der einzige Ausrutscher, ansonsten war Nizza großartig organisiert, kassierte nur sechs Gegentore in den restlichen zehn Pflichtspielen.

Diversität in der Dreierkette

Große Namen sind in Nizza rar gesät. So steht im Tor der 22-jährige Yoann Cardinale, der heuer klar den Vorzug gegenüber dem Argentinier Walter Benítez und dem noch jüngeren Mouez Hassen erhält. Die innerste Rolle in der Dreierabwehrkette nimmt der Kapitän Paul Baysse ein. Der 28-Jährige gilt als extrem verlässlicher Spieler, der vor allem mit seinem guten Stellungsspiel punktet. Die Besetzung der äußeren Dreierkettenpositionen ist sehr interessant: Der Deutschland-erprobte Dante spielt auf der linken Seite und bringt die nötige Routine und körperliche Präsenz ins Spiel. Rechts spielt mit Malang Sarr ein Spieler, der 16 Jahre jünger ist als Dante. Der erst 17-jährige Franzose wurde von Favre vor der Saison hochgezogen und schwimmt seitdem wie ein Fisch im Wasser. Die Dreierkette ist mit einer Durchschnittsgröße von nicht ganz 185cm verhältnismäßig zu anderen Abwehrverbünden relativ klein.

Starke No Names auf den anspruchsvollen Außenpositionen

Auch die Positionen der offensiven Außenverteidiger sind fix besetzt. Auf der linken Seite spielt der laufstarke brasilianische Neuzugang Dalbert Henrique, der vor der Saison von Vitória Guimaraes kam. Klassisch, dass ein No-Name-Neuzugang wie er, unter Favre aufblüht und praktisch fehlerlos spielt. Dalbert kostete Nizza gerademal zwei Millionen Euro. Rechts spielt mit Ricardo Pereira ein 23-jähriger Portugiese, der bereits letzte Saison leihweise für Nizza spielte. Auch heuer ist er nur ausgeliehen, eigentlich gehört er dem FC Porto. Verzichten muss Favre auf einen sehr flexiblen Abwehrspieler: Maxime Le Marchand, der praktisch auf allen defensiven Positionen spielen kann, fehlt mit einem Kreuzbandriss.

Seri als Dreh- und Angelpunkt

Der Taktgeber im Mittelfeld des OGC ist der 25-jährige Ivorer Jean Michael Seri. Der nur 165cm große Teamspieler der Elfenbeinküste gilt als laufstark, kampfkräftig und kommt sehr schnell hinter den Ball. Er ist das Herzstück des Favre’schen Mittelfeldsystems. Neben ihm konnte sich der rechtslastige Wylan Cyprien, ein 21-jähriger Franzose ins Team spielen. Er ist körperlich robuster und hat mehr Offensivdrang als der organisierende Seri. Der dritte Platz in der Mittelfeldzentrale ist noch nicht fix vergeben. Es gibt mehrere, zumeist defensiv geprägte Optionen, wie etwa Rémi Walter (21), den routinierten Mathieu Bodmer (33) oder Toptalent Vincent Koziello (20), der aber momentan einen schweren Stand hat und einer derer ist, die unter Favre nicht unbedingt gewannen.

Belhanda als Freigeist

Das 3-5-2 der Nizzaer sieht vor, dass ein antizipativer Angreifer ähnlich agiert wie ein Zehner. Dies ist aktuell am ehesten Younès Belhanda. Der Leihspieler von Dynamo Kiev kickte zuletzt ein halbes Jahr auf Schalke, wird von den Ukrainern aber nicht mehr gebraucht und daher erneut verliehen. In den letzten fünf Wochen kam der technisch starke Marokkaner immer besser in Schuss und ist der wichtige Verbindungsbaustein im System Favres. Andere Optionen wären etwa Lusamba, Eysseric oder auch der sehr offensive Alhassane Plea. Momentan sieht es aber danach aus, als wäre Belhanda der fixe Zuarbeiter für den Star der Franzosen.

Das schwierige Genie

Der Star ist eindeutig das Enfant terible Mario Balotelli, der im Süden Frankreichs wieder aufblüht. Der mittlerweile 26-Jährige floppte in Liverpool, verlor bereits vor zwei Jahren seinen Platz im italienischen Nationalteam, ist nun aber auf dem Weg zurück. In der Liga erzielte er in vier Spielen fünf Tore und auch im Europacup schrieb er bereits einmal an. Der exzentrische Angreifer ist Nizzas Vollstrecker und dürfte auch gegen Salzburg fix gesetzt sein. Sein Ersatz wäre der bereits erwähnte Plea, der ebenfalls als Zielspieler eingesetzt werden kann.

Sehr unangenehmer Gegner, für den’s um etwas geht

Die Namen sind es freilich nicht, vor denen man zittern muss, wenn über den OGC Nizza gesprochen wird. Aber Favres Elf ist enorm gut organisiert, hat eine solide Kaderdichte und spielt ein System, das den Salzburgern nicht behagen wird. Laut Buchmachern ist Salzburg zwar leichter Favorit, aber auch weil die Europa League für die Franzosen ein besonderes, weil seltenes Erlebnis ist, wird die Mannschaft heute voll auf Sieg spielen und niemanden schonen. Hinzu kommt, dass das Restprogramm Nizzas in den nächsten Wochen – trotz mehrerer Auswärtsspiele – kein besonders schwieriges ist.

Daniel Mandl, abseits.at

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Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen