Paolo Di Canio – über die Lichtblicke und Schattenseiten eines “Rechtsaußen”

Faschist, Idol, Fußballer, Hooligan, Trainer – Als das ist oder war Paolo Di Canio bekannt. Eines ist klarzustellen, egal in welcher Position, Di Canio war immer extrem. Der heutige Trainer des Swindon Town Football Club in der vierthöchsten englischen Spielklasse weiß zu provozieren, egal wo er auftritt. Manche lieben ihn, manche hassen ihn. Er vertritt immer seine Einstellung, was ihn auf der einen Seite auszeichnet, auf der anderen bringt es ihm allerdings immer wieder Probleme ein. Auf der Suche nach einem polarisierenden Spieler kommt man an Paolo Di Canio nicht vorbei!

Karriere

Di Canio’s Karriere startete 1985 bei seinem Stammverein Lazio Rom, wobei er bis 1990 blieb und dazwischen von 1986 – 1987 für zwei Spielzeiten für Ternara Calcio auf Leihbasis auflief. Er verließ Lazio 1990 und wechselte nach Turin zu Juventus, wo er mit der Alten Dame den UEFA-Cup gewann. Nach einem kurzen Gastspiel beim SSC Napoli wechselte der bekennende Rechtsradikale zum AC Mailand und holte mit den Rossoneri in der Saison 1995/96 die italienische Meisterschaft. Danach folgten die Stationen Celtic Glasgow und Sheffield Wednesday. 1999 wechselte Di Canio zu West Ham United, wo er wohl seine stärksten Auftritte zeigte. In 118 Spielen für die Hammers erzielte Di Canio 48 Tore. Nach dem Abstieg West Hams folgte der Wechsel zu Charlton Athletic und schlussendlich im Sommer 2004 zurück zu seinem Stammklub Lazio Rom. Nach zwei Spielzeiten als Kapitän der Römer ließ er seine Karriere in der vierthöchsten italienischen Liga bei Cisco Roma ausklingen.

Mr. Hyde

Wie es sich für einen echten Ausnahmekönner gehört, wandelte Di Canio auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn (und tut das auch heute noch!). In diesem Absatz wird versucht Ausrutscher, Fehlverhalten und, einfach gesagt, Dummheiten des Paolo Di Canio in seiner Zeit als aktiver Fußballer zu beleuchten!

In seiner Zeit bei Sheffield Wednesday attackierte er in einem Spiel gegen den FC Arsenal deren Verteidiger Martin Keown. Nachdem beide Spieler des Platzes verwiesen wurden, stieß der Italiener den Schiedsrichter Paul Alcock zu Boden. Di Canio musste nach dieser Aktion eine Geldstrafe von 10.000 Pfund bezahlen und bekam von der FA eine Sperre von elf Spielen aufgebrummt.  Im Jahr 2005 schaffte es der heute 41-Jährige abermals in die Schlagzeilen als er sich in drei verschiedenen Spielen bei den Fans mit dem faschistischen römischen Gruß bedankte. Zuerst grüßte er seine Anhänger im Rahmen des Derby del Campidoglio, dem römischen Derby zwischen Lazio und der AS Roma, am 6. Jänner 2005 mit dem Benito Mussolini geltenden Gruß. Di Canio musste als Strafe 10.000 € zahlen, jedoch akzeptierte er das Urteil nicht und zeigte diese Geste erneut in den Spielen gegen den kommunistisch-gerichteten Verein AS Livorno sowie Juventus Turin. In Folge dieser Ereignisse musste der Stürmer abermals 10.000 € zahlen und wurde in der italienischen Liga gesperrt. Die Strafe wurde allerdings aus Solidarität zu ihrem Idol von einigen Fangruppierungen, allen voran die Ultra-Gruppe Irriducibili, bezahlt.

Die Fankurve von Lazio Rom wurde lange Zeit von den Irriducibili beherrscht, den „Unbeugsamen“, wie man zu Deutsch sagen würde. Unter den Fans dieser Gruppierung findet man bekennende Faschisten und Rassisten, eines ihrer größten Idole ist Paolo Di Canio. Er ist selbst eingetragenes Mitglied der Ultra-Gruppierung und zeigte immer wieder seine Zugehörigkeit zu dieser. Beispielweise ließ sich der Italiener am Arm DUX tätowieren, was für Duce steht. Il Duce, der Führer, so nannte man früher Benito Mussolini und genau das gefällt einem Teil der Laziofans. Natürlich muss man erwähnen, dass diese Ideologien keinesfalls auf alle Fans des S.S. Lazio zutreffen, sondern nur auf einen geringen Teil. Allerdings wird gerade dieser geringe Teil immer wieder durch Gewaltbereitschaft und extreme Transparente auffällig, so wurden in einigen Stadtderbys Banner mit den Aufschriften „Auschwitz ist eure Heimat, die Öfen euer Zuhause“ oder „Judenfans“ hochgehalten. Seit diesen Plakatierungen müssen alle Transparente im Vorfeld der Partien präsentiert und angemeldet werden. Die italienische Liga verhängte zudem zahlreiche Geldstrafen gegen den Verein aufgrund des Fehlverhaltens dieser Fans. Oftmals wird die Gesamtheit der Lazio-Fans mit diesem gewaltbereiten Teil assoziiert. Die Irriducibili betreiben in Rom mehrere Geschäfte für Merchandise-Artikel und haben bis auf einen offiziellen Fanshop allen vereinsinternen Fanwarengeschäften den Rang abgelaufen. Mittlerweile verloren die Irriducibili ihren Rückhalt anderer Fans, vor allem aufgrund ihrer Marketingstrategie, welche für viele Anhänger gegen den Grundsatz der Fankultur handelt. Die Curva Nord, wie die Fantribüne des Vereins genannt wird, wird aktuell von einer anerkannteren Nebengruppierung der Irriducibili beherrscht, der Banda Noantri.

Dr. Jekyll

Natürlich wäre es falsch, den Fußballer Di Canio nur aufgrund seiner politischen Einstellung und seinen, oft nur schwer zu verstehenden, Gedankengängen zu beurteilen. Andererseits wäre es auch nicht fair, den Charakter und diese Einstellung einfach zu ignorieren und „nur“ den Spieler Di Canio zu sehen. In folgendem Absatz werden die Stärken, Erfolge und guten Seiten des Ausnahmekönners beleuchtet!

Vorab ein kurzes Zitat, welches die Stärken des Italieners heraushebt:

“He does things with the ball that make you gasp. Other footballers would pay to watch him train. Di Canio is an entertainer. When he is focused and in form, few can rival his invention, skill and technique.”

Harry Redknapp, 2 Jahre lang Trainer Di Canios bei West Ham United

Harry Redknapp, heute Trainer bei Tottenham Hotspur, bringt das Ganze auf den Punkt: Wenn er in Form und konzentriert war, konnte kaum einer mit Di Canio mithalten. Dass Di Canio ein guter Fußballer ist, zeigt allein der Blick auf seine Karriere. Talent besaß der Italiener und vor allem in der Premier League konnte er es ausspielen. Di Canio selbst bezeichnet den englischen Fußball als den, für ihn, besten Fußball der Welt – vor allem aufgrund der gesunden Härte und des 90-minütigen Kampfes gefällt es Di Canio in England. 1997 wechselte er von Celtic Glasgow, wo er in 37 Spielen 15 Tore erzielte, ins Mutterland des Fußballs, zu Sheffield Wednesday. Bei den Eulen, wie die Mannschaft aus der Region Yorkshire genannt wird, wurde Di Canio mit 14 Treffern prompt bester Torschütze seines Vereins. Durch seine körperliche Robustheit, gepaart mit technischer Finesse und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor überzeugte der Italiener die englischen Fans. Leider fiel Di Canio bei Sheffield eben auch mit der, im vorherigen Absatz beschrieben, Tätlichkeit gegen den Schiedsrichter auf und saß seine elf Spiele lange Sperre ab. Im Jänner 1999 nahm sich Harry Redknapp um den Italiener an und leitete den Transfer für rund 1,7 Millionen Pfund zu West Ham United ein. Der Kultklub aus East London schien geradezu auf Di Canio zugeschnitten: Die Fans der Hammers lieben Spieler mit Loyalität und einem beeindruckenden Spielstil. Genau diese beiden Eigenschaften konnte wohl keiner so gut vereinen wie Paolo Di Canio. Gleich in seiner ersten vollen Saison bei West Ham 1999/2000 zeigte er unter anderem mit einem Traumtor gegen Wimbledon auf. Er übernahm eine lange Flanke Trevor Sinclairs  an der linken Seite des Strafraums und beförderte den Ball mit einem wunderschönen Volley ins Tor. Für dieses Tor wurde er am Ende der Saison auch mit dem Award Scorer of the BBC Goal of the Season 2000 ausgezeichnet. Noch heute bezeichnen es viele Experten und Fans als eines der schönsten je in der Premier League erzielten Tore. In der gleichen Spielzeit wurde Di Canio von den West-Ham-Fans auch zum Hammer of the Year gewählt. Nennenswert ist zudem der 3:2 Auswärtserfolg West Hams gegen den FC Chelsea, wobei Di Canio mit zwei Treffern maßgeblich am Erfolg beteiligt war. Zuerst brachte der Italiener den krisengeschüttelten Kultklub kurz nach der Pause durch einen sehenswerten Volleyschuss mit 2:1 in Führung. Nach dem Ausgleich durch Di Canios Landsmann Gianfranco Zola war es erneut der Italiener der den Hammers mit seinem Tor zum 3:2 den wichtigen Sieg sicherte. Diese Zeit bei West Ham United kann wohl als die beste Zeit des Paolo Di Canio beschrieben werden. Im Jahr 2001 gewann Di Canio schließlich den FIFA Fair Play award, nachdem er beim Spiel Everton gegen West Ham den Ball nach einer Flanke mit der Hand gefangen hatte anstatt ihn ins leere Tor zu bugsieren. Dem vorausgegangen war eine Verletzung des Everton-Torhüters Paul Gerrard, welcher außerhalb des Strafraums am Boden lag. Viele Fußballer hätten in dieser Situation anders gehandelt und den Ball ohne nachzudenken im Tor versenkt, doch Di Canio bewies in dieser Situation sehr viel Fingerspitzengefühl und demonstrierte damit gelungenes Fair Play.

Nach einem kurzen Intermezzo bei Charlton Athletic wechselte Di Canio im Sommer 2004 zurück in seine Heimat zu Lazio Rom. Bei den Römern erzielte er in zwei Spielzeiten elf Treffer, unter anderem gelang ihm auch ein wichtiges Tor im Derby gegen Roma. Der in dieser Zeit abermals sehr provokante Di Canio führte Lazio als Kapitän aus der Krise, trotzdem wurde sein Vertrag nach zwei Jahren, auch aufgrund seiner Provokationen, aber auch aufgrund des schlechten Verhältnisses zu Kollegen und Trainern, nicht verlängert.

Fazit

Di Canio war einer der besten italienischen Fußballer seiner Zeit, trotzdem schaffte er es nie in die Squadra Azzurra. Der Hauptgrund dafür liegt wohl oder übel in seinem Verhalten und seiner politischen Orientierung. Di Canio war gleichzeitig Sünder und Heiliger, Übeltäter und Friedensstifter. Wie im Musical „Jekyll & Hyde“ konnte der Italiener von einem auf den anderen Moment mutieren, jedoch muss man ihm zugutehalten, dass er immer seinen Werten treu geblieben ist, egal aus welcher Position man diese Werte auch sehen mag. Trotz, oder gerade aufgrund seiner charakterlichen Schwächen, sofern man es so ausdrücken kann, wurde aus Di Canio einer der besten Fußballer seiner Zeit. Komplett hinwegsehen kann man über seine Provokationen und Fehlverhalten nicht, jedoch kann muss man sich erst seiner fußballerischen Qualitäten bewusst sein, bevor man über ihn urteilt. Die Meinung der Fans geht genauso weit auseinander wie die Entfernung zwischen dem Genie Di Canio und dem Monster Di Canio. Entweder man hasst ihn oder man liebt ihn, ein Mittelding gibt es nicht. Hätte sich der Italiener allerdings die eine oder andere Aussage verkniffen, hätte er wohl noch einiges mehr in seiner Karriere erreichen können. Jedoch wäre er ganz ohne Provokationen wohl nie so weit gekommen!

Michael Prügl, abseits.at

  • jaym

    oje… ein bisschen aktuelle recherche hätte nicht geschadet. die irriducibili haben sich vor 2 jahren quasi aufgelöst, geschäfte betreiben sie schon lange nicht mehr. erst vor wenigen wochen wurde das banner im stadion wegen ihres 25jährigen jubiläums wieder aufgehängt.

    die vielen, anderen kleineren gruppen haben sich zur curva nord zusammengeschlossen