Diego Maradona äußerte sich skeptisch, als Maurizio Sarri zum neuen Napoli-Coach ernannt wurde. Der in Neapel geborene Trainer kickte als Aktiver nämlich nur in... Vom Bankangestellten zum Wundertrainer: Holt Maurizio Sarri nach 26 Jahren den Titel nach Neapel
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Marek Hamsik - SSC Napoli_abseits.atDiego Maradona äußerte sich skeptisch, als Maurizio Sarri zum neuen Napoli-Coach ernannt wurde. Der in Neapel geborene Trainer kickte als Aktiver nämlich nur in Amateurvereinen und verbrachte auch die meiste Zeit nach seiner aktiven “Karriere“ damit Spieler zu coachen, die nebenbei einem Beruf nachgingen. Mittlerweile entschuldigte sich Maradona für die geäußerten Zweifel und steht voll hinter dem Coach, der den Neapolitanern die erste Meisterschaft seit 26 Jahren schenken könnte.

Ein Beruf und eine Berufung

Nachdem der 1959 geborene Maurizio Sarri als Amateurfußballer zwar viel Freude an diesem Sport hatte, es aber nie über den Status eines Hobby-Vereinsspielers brachte, fing er im Jahr 1990 als Trainer zu arbeiten an, wobei er es damals noch nicht ahnen konnte, dass aus diesem Hobby eine große Karriere werden würde. Damals ging er noch hauptberuflich seinem Job als Bankier nach und trainierte am späten Nachmittag und am Abend die jeweiligen Amateurvereine. Sein Beruf verschlug ihn früher oftmals nach London und in die Schweiz, doch irgendwann hatte Sarri genug verdient, sodass er seine Vorgesetzten bat, ihn ausschließlich in der Toskana arbeiten zu lassen, damit er nach Dienstschluss seiner Leidenschaften nachgehen konnte.

Erfolge auf Amateurebene

Dies tat er ausgesprochen gut, denn als er zehn Jahre nach seiner ersten Trainerstation den A.C. Sansovino übernahm, stieg er innerhalb von drei Jahren zweimal auf und führte den Amateurklub in die Serie C2. Er übernahm im Jahr 2004 das Ruder beim A.C. Sangiovannese und stieg mit dem Klub in die Serie C1 auf. Zu dieser Zeit hatte er seinen Job als Bankier bereits aufgegeben, sodass er sich voll auf seine Trainerkarriere konzentrieren konnte. Er bemerkte, dass er Talent dafür hatte und wollte herausfinden, wie weit es nach oben ging.

Mit Empoli in die Serie A

Den Durchbruch schaffte er beim FC Empoli, den er zwischen 2012 und 2015 betreute. Nachdem in der ersten Saison der Aufstieg in die Serie A knapp verpasst wurde, sicherte er sich in der darauffolgenden Spielzeit den zweiten Tabellenplatz und führte den Klub nach sechs Jahren wieder in die höchste Spielklasse zurück. Seine Mannschaft galt in der kommenden Saison als Fixabsteiger, aber Sarri hielt die Klasse und belegte am Ende der Spielzeit den 15. Tabellenplatz. Verantwortlich dafür war unter anderem die gefestigte Defensive seiner Mannschaft, die mit 52 Gegentoren zwei Treffer weniger kassierte, als der SSC Neapel, der in der gleichen Saison auf dem fünften Platz landete.

Sarris innovative Trainingsmethoden greifen

Als Sarri zum Erstaunen vieler Journalisten die Nachfolge des bei den Fans nicht besonders beliebten Rafael Benitez antrat, wurde er gefragt, ob viele Neuzugänge in der Abwehr zu erwarten wären, nachdem diese Napolis Hauptproblem im Vorjahr war. Sarri antwortete, dass in der Defensive alle Fehler mit gutem Training korrigiert werden könnten. So wie bei Empoli setzte der ehemalige Bankangestellte auch bei seinem neuen Verein auf innovative Methoden.

Bei den Trainingseinheiten ließ er eine Drohne über dem Spielfeld fliegen, die von oben die Einheiten aufzeichnete. Diese wurden dann gemeinsam mit den Spielern analysiert und der Coach erklärte in zahlreichen Einzelgesprächen mit den jeweiligen Akteuren, wie sie durch minimale Änderungen mehr Stabilität in das gesamte Mannschaftskonstrukt bringen könnten. Diese Methode scheint auch bei seinem neuen Klub zu funktionieren, denn während die Mannschaft in der vergangenen Saison nach 20 Spieltagen 35 Gegentreffer hinnehmen musste, kassierte man heuer nach ebenso vielen Partien nur 16 Gegentore.

Die Ideen bleiben die gleichen

Sarris Vorstellungen und Ideen von Fußball änderten sich nie aufgrund der Ligazugehörigkeit. Er arbeitet hart an der Kompaktheit der Mannschaft bei gegnerischem Ballbesitz, versucht aber in erster Linie mit schönem und direktem Offensivfußball den Meistertitel zu gewinnen. Seine Spieler suchen den Weg nach vorne, denn ihr Coach verlangt möglichst vertikal zu spielen – Querpässe sind nicht gerne gesehen.

Marek Hamšíks neue Rolle

Neben dem Goalgetter Gonzalo Higuain, der sich beste Chancen auf den goldenen Schuh ausrechnen kann und mit seinen 20 Toren in 20 Spielen natürlich einen riesigen Anteil am Erfolg hat, nimmt der slowakische Mittelfeldspieler Marek Hamšík eine Schlüsselrolle ein. Der torgefährliche Nationalspieler verbarg seine Freude nicht, nachdem Benitez den Klub verließ, da er selbst der Überzeugung war, dass ihn sein ehemaliger Trainer ineffektiv einsetzte. Hamšík spielte in Benitez´ 4-2-3-1-System im offensiven Mittelfeld, wobei sein Coach aufgrund seiner Torgefahr eine hohe Position forderte. Dies führte laut dem Slowaken dazu, dass er fast die gesamte Saison über mit dem Rücken zum gegnerischen Tor stand und auf die Bälle warten musste.

Sarri gab Hamšík mit seinem neuen System Recht, denn der Mittelfeldspieler nimmt in der aktuellen 4-3-3-Formation eine weit tiefere Position ein und kann so das Spiel nach vorne treiben. Durch seine dynamischen Tempodribblings aus der Tiefe zwingt er oft mehrere Gegenspieler dazu ihre Positionen zu verlassen und schafft so freie Räume für die Offensivspieler, die von dieser Systemumstellung enorm profitierten. Insbesondere Lorenzo Insignie auf dem linken Flügel und Mittelstürmer Higuain kommen so zu mehr Chancen als im Vorjahr und wissen diese auch zu nutzen.

Die Napoli-Fans warten seit der Saison 1989/90 auf den Meistertitel und es wäre ein ganz besonderes Märchen, wenn ausgerechnet ein in Neapel geborener Trainer das Team zur Meisterschaft führt. Dann würde wohl auch Diego die eine oder andere Träne verdrücken.

Stefan Karger, abseits.at

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Stefan Karger