Wenn man an die brasilianischen Nationalmannschaften denkt, die ihr Land in den späten 1970er Jahren und frühen 1980er Jahren vertraten, verbindet man diese zumeist... Der verlorene Weltklassespieler (20) – Dirceu
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Fußball in Brasilien - Jesusstatue Corcovado_abseits.at

Wenn man an die brasilianischen Nationalmannschaften denkt, die ihr Land in den späten 1970er Jahren und frühen 1980er Jahren vertraten, verbindet man diese zumeist mit schönem und kunstreichem Fußball, aber auch mit einem gewaltigen Makel: Keiner dieser Mannschaften gelang es, den Weltmeistertitel zu gewinnen.

Wenig überraschend ist es, dass die Superstars dieser Mannschaften zumeist im offensiven Mittelfeld zu finden waren: Sowohl Roberto Rivelino, der bereits 1970 an der Seite von Pelé, Tostao und Co. den Weltmeistertitel gewonnen hatte, spielte auf dieser Position, ebenso wie es Zico und Socrates taten, die in 1982 die prägenden Köpfe der brasilianischen Mannschaft waren. Doch während die bereits genannten Spieler auch heute noch hohe Bekanntheit besitzen, gerät ein Spieler in Vergessenheit, der sowohl 1974 und 1978 mit Rivelino, aber auch noch 1982 gemeinsam mit Socrates und Zico zauberte: Dirceu.

Lange Karriere – viele Vereine

Dirceu wurde am 15. Juni 1952 unter dem bürgerlichen Namen Dirceu José Guimarães in Curitiba geboren. Bereits früh erkannte man bei seinem Heimatverein Coritiba FC das Talent Dirceus, sodass er am 13. April 1970 mit 17 Jahren in einem Freundschaftsspiel gegen ZSKA Sofia sein Debüt feierte.

Nach nur zwei Jahren, in denen er mit Coritiba zweimal die Staatsmeisterschaft von Paraná gewonnen hatte, wechselte Dirceu zu Botafogo. Dieser Wechsel sollte der Auftakt einer Karriere sein, die von zahlreichen Vereinswechseln und stets kurzen Karrierestationen geprägt war.

Es folgten Wechsel zu Fluminense, Vasco da Gama und Club América, bevor er 1979 nach Europa wechselte und sich Atlético Madrid anschloss. Obwohl er in Madrid mit 84 Spielen (mit 18 Toren) in drei Jahren seine persönliche Karrierebestleistung erreichte, wechselte er 1982 zu Hellas Verona.

Dirceu blieb jedoch nur eine Saison und auch bei seinen weiteren Stationen in Italien (Neapel, Ascoli, Como, Avellino) wechselte er nach der Saison jeweils den Verein. 1988 kehrte er kurzfristig nach Brasilien zurück, um nur ein Jahr später in den USA bei den Miami Sharks zu unterschreiben. Nach einem erneuten Intermezzo in Italien von 1989 bis 1993 wechselte er 1995 schließlich zu Atlético Yucatán, wo er seine Karriere im Juni 1995 beendete.

Internationale Karriere

Nachdem er 1972 bereits für die brasilianische Olympiamannschaft aufgelaufen war (Dirceu erzielte zwei der vier brasilianischen Tore und galt als einer der wenigen Lichtblicke in einer ansonsten enttäuschenden Mannschaft), feierte er 1973 sein Debüt in der Seleção. Nur ein Jahr später nahm er mit 21 Jahren an seiner ersten Weltmeisterschaft teil.

Dirceu saß in der Gruppenphase zunächst auf der Bank, kam jedoch in den restlichen vier Spielen über die volle Distanz zum Einsatz, wobei das Turnier für Brasilien mit einem enttäuschenden vierten Platz endete. Vier Jahre später sollte das Turnier sowohl für Brasilien als auch für Dirceu deutlich besser laufen: Zwar wurde er im ersten Spiel gegen Schweden nur eingewechselt, dafür gehörte er im restlichen Turnierverlauf zur Startelf der Brasilianer.

In der Zwischenrunde erzielte er im Spiel gegen Peru zwei Tore, eines per Freistoß und eines durch einen Distanzschuss. Obwohl Brasilien kein Spiel bei der Weltmeisterschaft verloren hatte, erreichten sie aufgrund der schlechteren Tordifferenz gegenüber Argentinien nur das Spiel um Platz Drei gegen Italien. Nachdem Franco Causio Italien in Führung gebracht hatte, erzielte Nelinho mit einem Distanzschuss das 1:1, ehe Dirceu die Partie zugunsten Brasiliens entschied: Eine Flanke segelte von der linken Seite in den Strafraum, Jorge Mendonça legte den Ball mit der Brust ab zu Dirceu und dieser schoss den Ball humorlos per Dropkick in die linke Ecke des Tores. Als Belohnung für seine starken Leistungen wurde Dirceu im Anschluss mit dem bronzenen Ball als drittbester Spieler des Turniers geehrt.
Die WM 1978 sollte allerdings Dirceus persönlichen Karrierehöhepunkt in der Seleção markieren. Zwar stand er auch bei der WM 1982 im Kader und in der Startelf im Auftaktspiel gegen die Sowjetunion, wurde allerdings nach der ersten Halbzeit ausgewechselt und im weiteren Turnierverlauf nicht mehr eingesetzt.

In den folgenden Jahren gehörte er dennoch weiterhin zum Kader der Selecao und galt auch als Kandidat für die WM 1986, die seine vierte Weltmeisterschaft gewesen wäre. Eine Verletzung, die er sich im Training zugezogen hatte, verhinderte allerdings seine Teilnahme, sodass sein Einsatz gegen Chile am 7. Mai 1986 sein letztes Länderspiel blieb. Insgesamt war er 44-mal für die Selecao aufgelaufen und hatte dabei sieben Tore erzielt.

Zu seinen Glanzzeiten galt Dirceu als einer der besten offensiven Mittelfeldspieler Brasiliens, der zahlreiche Stärken besaß: Neben einer überragenden Balltechnik verfügte er auch über einen guten Antritt und konnte sowohl über kurze, als auch über lange Distanzen Traumpässe spielen. Zudem war er beidfüßig, verfügte über einen knallharten Schuss und galt als exzellenter Freistoßschütze.

Als Schwäche Dirceus galt seine mangelnde Durchsetzungskraft im Zweikampf, wobei diese auch durch seine schwache körperliche Statur – bei einer Größe von etwa 172cm wog er nur 68kg – bedingt war. Eine weitere Besonderheit Dirceus war seine gute Kondition, die es ihm im Gegensatz zu seinen Konkurrenten in der Selecao ermöglichte, auch noch im hohen Alter auf dem Flügel zu spielen.

Tragisches Ende

Nach seinem Karriereende im Juni 1995 kehrte er im September 1995 in seine Heimat Brasilien zurück. Nur eine Woche nach seiner Rückkehr kam Dirceu bei einem Verkehrsunfall in Rio de Janeiro ums Leben. Er wurde nur 43 Jahre alt.
Als Reaktion auf seinen Tod benannte sein ehemaliger Verein S.S. Ebolitana, für den Dirceu von 1989 bis 1991 aktiv gewesen war, sein Stadion nach ihm (Stadio José Guimarães Dirceu), wodurch Dirceus Name bis heute weiterlebt. Dennoch wird sein Name traurigerweise oft vergessen, wenn man an die großen Mittelfeldakteure Brasiliens erinnert.

Marcel Grün, abseits.at

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