Seitdem sich der Kosovo 2008 für unabhängig erklärte, sucht man auf allen Ebenen die komplette Eigenständigkeit. Mit dem Beitritt zu UEFA & FIFA  im... Die Causa Kosovo – der doppelte Kampf um Anerkennung
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Seitdem sich der Kosovo 2008 für unabhängig erklärte, sucht man auf allen Ebenen die komplette Eigenständigkeit. Mit dem Beitritt zu UEFA & FIFA  im Mai 2016 schien ein weiterer Meilenstein geschafft zu sein. Dennoch warten weitere sportliche und sportpolitische Herausforderungen auf den Kosovo – sofern dieser überhaupt Mitglied bleibt.

UEFA-Beitritt als umstrittene Entscheidung

Vor dem Länderspiel-Doppel gegen Kroatien und die Ukraine steht die Nationalmannschaft des Kosovo sportlich bereits mit beiden Beinen im Wettkampf, der Kampf um die unumstrittene Anerkennung des nationalen Verbandes scheint währenddessen erst richtig zu beginnen.

Seit dem 3. Mai 2016 ist der Kosovo mit seinem zugehörigen Verband FFK offiziell das 55. Mitglied der UEFA, zehn Tage später nahm auch die FIFA den Verband auf. In dem mittlerweile oft zitierten UEFA-Paragraphen bezüglich des Aufnahmeverfahrens sieht der europäische Kontinentalverband vor, dass nur von den Vereinten Nationen anerkannte Staaten beitreten dürfen. Ausnahmen gibt es nur bei den britischen Verbänden, den Färöer-Inseln und beim Erreichen einer Zweidrittelmehrheit innerhalb der anerkannten Fußballverbände.

Im Falle des Kosovos genügte jedoch eine einfache Mehrheit, zudem wurde die Haltung Serbiens nicht explizit berücksichtigt. Bei der entscheidenden Wahl stimmten schließlich 28 Verbände für den Beitritt des Kosovos zur UEFA, 24 lehnten ab, während sich zwei der Stimme enthielten.

Dennoch ist der Mitgliedsstatus alles andere als fixiert: Der serbische Fußballverband FSS hat bereits beim Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne Einspruch gegen die Aufnahme eingelegt. Der zukünftige Status ist damit ungeklärt. Bleibt der Kosovo nach dem Gerichtsurteil Mitglied, so werden sich nicht nur die Nationalmannschaft weiterhin in den Qualifikationen messen, den Vereinen der kosovarischen Liga wird damit zukünftig wohl auch die Möglichkeit gegeben werden, sich auf Klubebene international messen zu können und eine Qualifikation für Champions League und Europa League anzustreben.

UEFA unter Druck

Sollte der Kosovo jedoch nach dem Gerichtsurteil suspendiert werden, würden damit nicht nur die aktuellen Qualifikationsergebnisse ad absurdum geführt werden, es würde praktisch die komplette Problematik wieder von vorne beginnen lassen.

Stand jetzt ist der Kosovo also offizielles Mitglied. Obwohl einige Staaten, wie Spanien, Russland oder Griechenland den Kosovo nach wie vor nicht als unabhängig anerkennen, sind nur mögliche Begegnungen gegen Serbien und Bosnien & Herzegowina von der UEFA ausgeschlossen worden. Dass dadurch ein nicht gänzlich anerkannter Staat UEFA-Mitglied ist, könnte potenziellen Beitrittskandidaten zu ähnlichen Schritten motivieren und Fußballeuropa zusehends verändern.

So besitzen auch Katalonien, das Baskenland und die Republika Srpska aktive Fußballauswahlen und wären einem Beitritt, nicht zuletzt als Maßnahme einer politischen Unabhängigkeit, wohl nicht abgeneigt. Die UEFA könnte hierbei früher oder später in Erklärungsnot geraten, sofern sie nicht eine klare Linie findet und sportlich und politisch höchst brisante Entscheidungen sorgen.

Ein Verband auf Spielersuche

Die nächste nach wie vor offene Frage betrifft die Verbandswechsel von Spielern mit kosovarischen Wurzeln. Nachdem sich Kapitän Samir Ujkani und Ex-Bundesliga-Stürmer Albert Bunjaku bereits vor der Anerkennung darauf festgelegt hatten nur mehr für den Kosovo spielen zu wollen, sind ihrem Beispiel vor Qualifikationsbeginn einige gefolgt: Neben ehemaligen albanischen Nationalspielern wie Milot Rashica und Alban Meha sind auch zwei Spieler mit Österreich-Bezug Teil des aktuellen Kaders.

Salzburgs Valon Berisha, ehemals norwegischer Teamspieler und nun erster Pflichtspieltorschütze des Kosovo und Manchester-City-Talent Sinan Bytyqi, der insgesamt 21-mal für eine österreichische Nachwuchsnationalelf auflief, entschieden sich ebenfalls für das neue Balkan-Team. Brisant war auch die Entscheidung von Lum Rexhepi, Verteidiger bei HJK Helsinki: Er hatte vor der Partie zwischen Kosovo und Finnland jeweils eine Partie für beide Nationalmannschaften bestritten – und betonte schlussendlich nur mehr für den Kosovo spielen zu wollen.

Bisher abgelehnt haben die Schweizer Teamspieler Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka und Valon Behrami – auch Adnan Januzaj spielte zuletzt bei der EM noch für Belgien, sein Interesse am kosovarischen Team gilt aber als groß.

Definitiv nicht für den Kosovo spielen werden Sportler, die zwar in dem von Seiten des Kosovo beanspruchten Gebiet geboren wurden, jedoch der serbischen Bevölkerung angehören wie Serie A-Profi Ivan Radovanovic, FC Metz-Routinier Milan Bisevac und der 44-fache Nationalspieler Milos Krasic.

Das nächste starke Balkan-Kollektiv?

Sportlich ließ man zuletzt mit einer beherzten Leistung beim 1:1 gegen Finnland aufhorchen, die nächsten Partien gegen Kroatien und die Ukraine werden eine erste Standortbestimmung darstellen. Im weiteren Qualifikationsverlauf warten mit Island und der Türkei noch zwei weitere diesjährige EM-Teilnehmer. Die Heimspiele finden übrigens aufgrund der politisch angespannten Situation im Loro-Borici-Stadion im albanischen Shkodra statt. Dennoch dürfte bei den ersten „Heimspielen“ Hexenkessel-Atmosphäre herrschen, albanische Fahnen werden trotz der Verbundenheit beider Völker jedoch laut UEFA nicht toleriert werden.

Obwohl der Kosovo nach aktuellem Stand der Dinge Mitglied ist, könnte die politisch komplexe Situation noch einige Änderungen und Einschränkungen am derzeitigen Status Quo mit sich bringen. Abgesehen von der sportpolitischen Relevanz entwickelt sich aktuell das nächste höchst interessante Fußballprojekt am Balkan. Aufgrund einiger spielberechtigten Talente, die über ganz Europa verstreut spielen und einer aufkeimenden nationalen Identität, hat der Kosovo das Potenzial um ähnliche Erfolge, wie sie die Teams von Albanien und Montenegro bereits in den letzten Jahren schafften, erreichen zu können.

Martin Wallentich, abseits.at.

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Martin Wallentich