Die Volksrepublik China zählt für die meisten Beobachter wohl nicht zu Unrecht zu den eher weniger bedeutenden Fußballnationen. Dennoch hält das Land für Fußballinteressierte... Fußball in China: Vielversprechende Entwicklungen im heimlichen Mutterland des Fußballs
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Flagge China_abseits.atDie Volksrepublik China zählt für die meisten Beobachter wohl nicht zu Unrecht zu den eher weniger bedeutenden Fußballnationen. Dennoch hält das Land für Fußballinteressierte einige Überraschungen parat. Um ein bisschen Licht in diese – aus mitteleuropäischer Sicht – noch relativ unbekannte Fußball-Welt zu bringen, beschreibt dieser Artikel die wechselhafte Gesichte und Entwicklung des Fußballwesens in China.

Obwohl China als das Ursprungsland des Fußballs gilt, in dem schon vor 2300 Jahren Ball-Spiele mit dem Fuß praktiziert wurden, sollte es bis ins späte 19. Jahrhundert dauern, bis das Reich der Mitte mit dem modernen Fußball europäischer Prägung in Berührung kam. So waren es britische Händler und Migranten, die den Sport in großen Ballungszentren wie Shanghai oder Peking bekannt werden ließen.

Nach der Gründung erster Klubs begann der Fußball langsam im Land Fuß zu fassen. Zunächst waren die Vereine nach Ethnien getrennt, was zu Spannungen auf und abseits des Platzes führte. In den 1920ern ließen zuvor rein europäisch geprägte Klubs aber immer mehr chinesische Spieler und administrative Kräfte zu, wodurch der Fußball in China weiter institutionalisiert wurde, was auch in der Gründung des chinesischen Fußballverbands 1924 seinen Ausdruck fand. 1931 wurde man von der FIFA aufgenommen, 1936 wurde ein Team zu den olympischen Spielen in Berlin entsandt.

Kommunisten mögen Fußball. Meistens.

Als die kommunistische Partei nach Ende des zweiten Weltkriegs in China an die Macht kam, hatte das auch gravierende Auswirkungen auf den Fußball. Der Sport wurde von der politischen Führung fortan als Symbol für den gesellschaftlichen Fortschritt angesehen und sollte für ein neues, fortschrittliches China stehen. Ein weiterer Effekt der kommunistischen Machtübernahme war eine starke Zentralisierung des Sports. So standen ab 1952 alle sportlichen Angelegenheiten unter direkter Kontrolle der nationalen Sportkommission, welche fortan für die Formulierung und Umsetzung von Gesetzen und Programmen für das Sportwesen verantwortlich war.

Mit anderen sozialistischen Ländern wurde eine zum Teil enge sportliche Zusammenarbeit verwirklicht, die sich besonders im Spitzensport bemerkbar machte. Neue, professionelle Vereine wurden gegründet. Die Umsetzung von einheitlichen Trainings- und Entwicklungsmethoden zeigte ebenso ihre Wirkung. In den folgenden Jahren entwickelte sich China zu einer bedeutenden Fußballmacht Ostasiens.

Die Früchte dieser Arbeit wurden jedoch mit dem Ausbruch der Kulturrevolution 1966 unter der Führung Mao Zedongs zu großen Teilen zerstört. Sportler durften ihrem Gewerbe nicht mehr nachgehen und wurden zur Feldarbeit aufs Land geschickt, Funktionäre verhaftet und Sportstätten geschlossen.

Auch auf politischer Ebene gab es für den Fußball negative Auswirkungen. So trat das Land neben anderen Organisationen auch aus der FIFA aus. Diese Zeit der Isolation endete in den 1970ern, als sich China nach Maos Tod politisch und ökonomisch öffnete. Das Sportwesen wurde reformiert, der chinesische Fußballverband trat wieder der FIFA bei und der Fußball wurde kommerzialisiert.

Nach enttäuschenden Darbietungen des Nationalteams in den 1980ern wurde der Fußball in zunehmendem Maße weiter entwickelt. So wurde 1992 ein professionelles Liga-System geschaffen. Klubs wurden privatisiert und standen nicht mehr unter direkter Kontrolle von Behörden. Trotz der Liberalisierung war der politische Einfluss bis ins 21. Jahrhundert weiterhin relativ hoch. So wurden beispielsweise Spielergehälter und auch der Transfer von Spielern ins Ausland stark reguliert.

Seit 2006 fällt es chinesischen Spielern jedoch deutlich leichter, Auslandsengagements anzutreten. Hintergrund dieser Entwicklung ist die Hoffnung der Regierung, dass Spieler in ausländischen Ligen mehr Erfahrung sammeln, was sich wiederum positiv auf die Leistung des Nationalteams auswirken soll.

Sinkende Popularität und Neuaufbau

2001 sahen mehr als 3,25 Millionen Stadionbesucher Spiele der chinesischen Fußballligen. 2002 qualifizierte man sich für die Teilnahme an der Fußballweltmeisterschaft in Japan und Südkorea. Doch trotz dieser positiven Entwicklungen und der fortschreitenden Professionalisierung des chinesischen Fußballwesens im 21. Jahrhundert sank die Popularität des heimischen Fußballsports beständig.

Die Hintergründe waren vielfältig. So erschütterte 2003/04 ein Skandal rund um Match-Absprachen das Vertrauen der Fans. Zudem hatte man es versäumt, den Fußball unterhalb der professionellen Ligen in der Gesellschaft nachhaltig zu verwurzeln. Weder der Amateur- noch der Jugendbereich erfuhr von Verbandsseite und Fans große Aufmerksamkeit, was sich in der Qualität des Nationalteams negativ niederschlug. Hinzu kamen auch Gewaltausbrüche unter Fans, so dass sich die Stadien in zunehmendem Maße leerten.

Reformen, Skandale und ausländische Stars

Als Reaktion auf diese Entwicklungen wurde das Ligensystem neu strukturiert. 2004 wurde die chinesische Super League gegründet. Jugend- und Trainerförderung standen fortan ebenso im Mittelpunkt, wie kontinuierliche Reformen, strukturelle Anpassungen und eine bessere Ressourcenverteilung. Das erklärte Ziel lautete, China in den kommenden Jahren zu einer der führenden Fußballmächte Asiens zu machen.

Die Realität sieht indes noch etwas trister aus. Ein weiterer Skandal erschütterte 2006 den chinesischen Fußball. Die Regierung sah sich veranlasst, hart gegen korrupte Funktionäre vorzugehen. Spiele der chinesischen Ligen wurden aus Protest gegen die herrschenden Zustände teilweise nicht mehr im Fernsehen übertragen.

Durch den erneuten Vertrauensverlust sah sich der chinesische Fußball wieder einmal dazu genötigt, sein Image aufzubessern, um Attraktivität wiederzuerlangen. Der Einkauf europäischer, afrikanischer oder lateinamerikanischer Fußballer (darunter auch bekannte Spieler wie zum Beispiel Nicolas Anelka oder Didier Drogba) im „zweit- oder drittbesten“ Fußballeralter half, die Popularität der Liga zu steigern.

Sponsorenverträge mit chinesischen Großkonzernen pumpten Millionen in den chinesischen Fußball und für große europäische Klubs gehört es inzwischen zum guten Ton im Zuge von Marketing-Aktionen Testspiele gegen chinesische Klubs durchzuführen. Diese Maßnahmen scheinen sich positiv auszuwirken. So hat sich der Zuschauerschnitt pro Ligaspiel in den letzten 10 Jahren von rund 10.000 auf knapp 19.000 erhöht.

Auch auf anderer Ebene scheint man im Reich der Mitte am Ziel einer Fußballgroßmacht festzuhalten. So überrascht es nicht, dass das chinesische Sportministerium 2026 die Abhaltung einer Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land ernsthaft in Erwägung zieht.

Johannes Heinrich, abseits.at

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