Während Pressesprecher und Vereinsverantwortliche ihre Worte stets bedacht wählen müssen, dürfen Fans ungeschönt über ihren Klub reden. Deshalb baten wir Fußballfans aus der ganzen... Fans und ihre Vereine (3) | Interview mit Rangers-Fan Calum (22)
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Fußball in SchottlandWährend Pressesprecher und Vereinsverantwortliche ihre Worte stets bedacht wählen müssen, dürfen Fans ungeschönt über ihren Klub reden. Deshalb baten wir Fußballfans aus der ganzen Welt ein wenig über sich und ihren Verein zu erzählen. Im zweiten Teil berichtet uns Rangers-Fan Calum unter anderem davon, wie es zum Zwangsabstieg seiner Lieblingsmannschaft kam und wie sich die Rivalität zu den Celtic-Fans seiner Meinung nach in letzter Zeit ein wenig veränderte. Wisst ihr außerdem was der „Helicopter Sunday“ ist?

Von welchem Verein bist du Fan und wie kam es dazu?

Ich bin ein Fan vom Glasgow Rangers Football Club. Ich wurde in Kanada geboren, zog aber nach Schottland, als ich drei Jahre alt war. Mein Vater machte sich nicht viel aus Fußball, aber mein Großvater war ein großer Fan und die Rangers waren sein Team. Als ich mich also für diesen Sport zu interessieren begann, hatte ich also eine Mannschaft, zu der ich gleich eine persönliche Verbindung hatte.

Erinnerst du dich an dein erstes Spiel? Wie lief es ab?

Das erste Spiel, an das ich mich erinnern kann, war eine Partie gegen Dundee United und sie lief perfekt ab. Es war das Eröffnungsspiel der neuen Saison, wir hatten ein fantastisches Wetter und gewannen die Partie. Die Erfahrung, dass man die abwechselnde Momente der Frustration und Freude mit einem vollen Stadion teilen kann, war eine Sache, an die ich mich immer erinnern werde. Du kennst die anderen Leute nicht, einige würdest du sicherlich nicht mögen, wenn du sie unter anderen Umständen triffst, aber für einige Stunden teilst du mit ihnen alle Emotionen.

Wie läuft ein typischer Spieltag für dich ab?

Ich befinde mich momentan leider nicht in der Lage alle Spiele anschauen zu können. Wenn es sich irgendwie ausgeht, bin ich aber natürlich im Stadion. Ansonsten schaue ich mir die Spiele mit Freunden in Pubs an.

Wie viel bezahlst du für eine Karte, bzw. wie viel kostet ein Abo bei deinem Klub?

Eine Jahreskarte kostet um die 250 Pfund, vielleicht weniger auf den schlechteren Plätzen. Viele Fans vermeiden es jetzt aber Jahreskarten zu kaufen, da die früheren Verantwortlichen das eingenommene Geld gleich wieder aus dem Fenster warfen.

Wie viel musst du im Stadion für ein Bier bezahlen?

Momentan kann man in Schottlands Stadien leider kein Bier kaufen. Viele Fans wollen das ändern, da es diese Regelung in unserem Land nur beim Fußball gibt. Wenn es wieder erlaubt wäre, wäre es zwar am Anfang sicherlich heftig, weil die Anhänger es nicht mehr gewohnt sind während eines Spiels ein Bier konsumieren zu dürfen. Über die Zeit würde sich aber sicher alles beruhigen und die Vereine hätten auch wieder mehr Einnahmen durch die Getränke.

Kannst du uns etwas über die momentane Situation bei deinem Klub erzählen?

Bei uns herrscht im Moment das Chaos. Das Problem stammt daher, dass die früheren Eigentümer sehr viel Geld ausgaben, das sie nicht hatten – man muss sich nur die Qualität der Spieler anschauen, die wir in den 90ern und Anfang der 2000ern hatten. Die Transferpolitik war nur aufs Kurzfristige ausgelegt, wir verpflichteten oft Spieler jenseits der 30 Jahre, durch die der Klub in finanzieller Hinsicht bei Weiterverkäufen nicht profitieren konnte. Nachdem wir die Schulden nicht mehr tragen konnten übernahmen zwielichtige Unternehmer den Verein und der Klub wurde endgültig zerstört. Wir mussten uns aus der 3rd Division wieder hinaufarbeiten und versuchen wieder eine Mannschaft zu finden, die halbwegs brauchbaren Fußball spielen kann.

Welches Spiel, oder welche Szene zählt zu deinen schönsten Erinnerungen?

Als ich elf Jahre alt war gewannen wir neben dem Pokal die Meisterschaft am letzten Spieltag. Wir nennen so etwas den „Helicopter Sunday“, da die Trophäe in einen Helikopter gepackt wird, damit er schnell zu dem Team geflogen wird, das die Meisterschaft gewinnt. Celtic benötigte nur ein Unentschieden gegen Motherwell, aber dieser verrückte Australier, der auf den Namen Scott McDonald hört, traf zweimal gegen unseren Stadtrivalen in der Nachspielzeit und verhalf uns so zum Titel.

Was würdest du am liebsten verdrängen?

Den Moment, als klar wurde, dass uns Craig Whytes “Steuer-Tricks“ ins Grab bringen. Es war ohnehin davor schon eine schwierige Situation und machte alles nur noch viel schlimmer. Es gab Gerüchte, dass das Stadion und die Trainingsplätze an Immobilienentwickler verkauft werden müssen.

Wer ist deine persönliche Klub-Legende und weshalb?

Für mich persönlich ist es Davie Weir. Er war ein Innenverteidiger, der bis in seine 40er für uns spielte und als Leitwolf nicht zu ersetzen war. Er behielt immer die Ruhe und las das Spiel wie kein zweiter Kicker. Als er mit 39 Jahren im Europacup auf Manchester United traf, machte Wayne Rooney keinen einzigen Stich gegen ihn.

Wer ist der stärkste Spieler, den du jemals gegen deinen Klub spielen gesehen hast?

Das war wohl Celtic-Spieler Henrik Larsson. Er schien die Gabe zu haben Situationen lange vor allen anderen Spielern zu erfassen, hatte die richtige Mischung aus Athletik und Technik und bewies, dass ein Spieler, der in der schottischen Liga tätig ist, auch in großen Ligen gut aussehen kann. Seine Zeit danach beim FC Barcelona war ja auch nicht so übel.

Was war das Verrückteste, das du jemals mit deinem Verein erlebt hast?

Ugo Ehiogus Fallrückzieher gegen Celtic – es muss ungefähr im Jahr 2007 gewesen sein. Der Treffer wurde zum Tor des Jahres gewählt und ich erinnere mich noch, wie verrückt es war diesen massiven Kerl so hoch in der Luft zu sehen, als ob er nichts wiegen würde. Die Vorarbeit kam außerdem von einem schlampigen Charlie-Adam-Eckball – großartige Sache!

Was würdest du ändern, wenn du morgen zum Präsidenten deines Vereins gewählt wirst?

Ich würde den Fans in wichtigen Entscheidungen ein Mitspracherecht einräumen und mich mehr auf die Nachwuchsakademie konzentrieren, anstatt alte Spieler zu erwerben, die viel Gehalt bekommen. Es könnte zwar sein, dass wir auf diese Weise länger brauchen, um dorthin zu kommen, wo wir einmal waren, aber es würde dann den Erfolg nachhaltiger machen, wenn wir wieder ganz oben sind.

Was würdest du ändern, wenn du über Nacht der neue FIFA-Präsident wärst?

Ich würde dem Fair-Play-Prinzip mehr Bedeutung zumessen wollen und Plätze für Großereignisse auch über diese Art verteilen. Die Unterstützung von Menschenrechtsverletzungen ist schlecht für das Image des Fußballs, ganz zu schweigen davon, was die Menschen, die ausgebeutet werden, durchmachen müssen. Ich würde außerdem das FIFA-Ranking ändern, denn aus meiner Sicht sollten Nationalmannschaften nicht dafür bestraft werden, wenn sie Freundschaftsspiele bestreiten.

Gibt es weitere Geschichten, die du mit uns teilen möchtest?

Nur damit ich es hier klarstellen kann. Ich weiß dass die Fans beim Old-Firm-Derby einen schlechten bzw. berüchtigten Ruf haben, aber ich kann euch versichern, dass die überwiegende Mehrheit der Anhänger feine Kerle sind. In meinem Freundeskreis habe ich etwa gleich viele Rangers- und Celtic-Fans und wir verarschen uns immer wieder und lachen dann miteinander. Natürlich gibt es ein paar Verrückte, die sich prügeln wollen und gewaltverherrlichende Fangesänge anstimmen, die sich um Dinge drehen, die in den letzten Jahrhunderten geschehen sind. Aber ich denke, dass dies immer weniger wird und die Fans auf Sprüche wie “Rangers are dead“ auch immer gelassener reagieren. Unser Verein hat massiven Mist gebaut und es ist klar, dass unser Stadtrivale das amüsant findet. Ich bin mir sicher, dass wir auch kein Problem damit hätten, uns über Celtic lustig zu machen, wenn sie an unserer Stelle wären. Wer weiß – eines Tages stehen die Vorzeichen wieder anders.

Stefan Karger, www.abseits.at

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Stefan Karger