Blatters Zeit als FIFA-Boss beginnt mit einem harmlosen Fehler seines Vorgesetzten Havelange. Dieser streicht im Dezember 1993 kurz vor der Auslosung der WM in... Schwarzbuch FIFA (2/4) – Blatter, Boss, Bonus
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_Joseph Sepp BlatterBlatters Zeit als FIFA-Boss beginnt mit einem harmlosen Fehler seines Vorgesetzten Havelange. Dieser streicht im Dezember 1993 kurz vor der Auslosung der WM in Las Vegas einen prominenten Ehrengast aus dem Programm: Pelé. O Rei wird einfach ausgesperrt. Die Fans sind aufgebracht, der Star schockiert. Blatter versucht zu intervenieren, doch es bleibt beim Nein des Chefs.

Brutus

Grund dafür ist eine persönliche Fehde zwischen dem Superstar und Havelanges Schwiegersohn Teixeira: Ricardo Teixeira – ein weiteres „Clanmitglied“. Teixeira ist Präsident des brasilianischen Fußballverbandes und verlangte vom Ex-Stürmer eine Million Dollar Schmiergeld für den Verkauf von Übertragungsrechten für die WM ‘94. Pelé weigerte sich. Als er 1995 außerordentlicher Sportminister seines Heimatlandes wird, plant er Großklubs in Kapitalgesellschaften umzuwandeln und so den korrupten Klubchefs das Handwerk zu legen.

Teixeira begreift dieses Unternehmen als Retourkutsche: Seine Macht als Verbandschef fußt schließlich auf dem Rückhalt der bestechlichen Klubmanager. 2001 wird Teixeira der Prozess gemacht. In der Anklageschrift findet sich alles von Vertragsfälschung bis Steuerhinterziehung und Diebstahl im großen Stil. Erst 2012 zieht er sich von seinen Ämtern zurück.

Damals, 1993, geht Havelange einen Schritt zu weit. Nach der Nummer mit Pelé fangen Journalisten weltweit an zu recherchieren. Sie decken auf, dass ständig große FIFA-Summen in Havelanges Firmen versickern. Sogar intern gibt es kritische Stimmen, Blatter versucht diese zu bündeln. Er wittert seine Chance, doch Havelange ist zäh. Der Brasilianer verspricht die Aufstockung des WM-Teilnehmerfeldes auf 32 Mannschaften und sichert sich so die Unterstützung der kleineren Verbandsbosse. Im Juni 1994 wird er deswegen wiedergewählt. Intern versöhnt er sich mit Blatter, doch sein Weg geht langsam zu Ende: Erst der Streit mit Pelé, dann verspricht Havelange Japan eigenmächtig die Austragung der WM 2002. Nach Protesten müssen die Japaner mit Südkorea teilen. Internationale Kritik bringt Havelange aber vor allem der Besuch bei Nigerias Diktator Sani Abacha ein. Die Sunday Times wütet: „Der FIFAPräsident kroch den Militärführern in den Allerwertesten.“

Der schwedische Präsident des europäischen Fußballverbandes Lennart Johansson verspricht eine „unabhängige Überprüfung der FIFA-Geschäftspraktiken, sollte er der nächste FIFA-Boss werden. Havelange bekommt es mit der Angst zu tun und beschließt deshalb seinen Blatter-Brutus zum Nachfolger bestellen zu lassen. Ein Absetzungsversuch Blatters wird von den Beiden schlichtweg blockiert. Am 8. Juni 1998 ist es dann soweit: Mit 111 zu 80 Stimmen gewinnt der Schweizer gegen den am Boden zerstörten Johansson. Die afrikanischen Landesverbände geben letztendlich den Ausschlag. Einige Verbandschefs des schwarzen Kontinents entschuldigen sich nach der Wahl ob des „schändlichen Verhaltens“ ihrer Kollegen beim Schweden. Was ist genau passiert? Offiziell natürlich nichts. Dass, einer der Wahlberechtigen ein Kuvert mit Geld im Hotel vergessen hat, darf aber erzählt werden. Die Wahlnacht in Paris ist eine einzige Schande.

Bilanz und Bau

Blatters erstes großes Problem als FIFA-Präsident ist die Insolvenz der ISL im Mai 2001. Die von Horst Dassler und der japanischen Werbeagentur Dentsū gegründete Marketingfirma ist zu diesem Zeitpunkt der weltweit größte Sportrechtehändler. 1999 schließt die ISL mit dem Tennisverband ATP einen Vertrag in astronomischen Dimensionen: Laufzeit: 10 Jahre. Summe: 1,1 Milliarden Euro. Schwarzgelder werden über ein Bestechungsnetz auf Konten in Steuerparadiesen oder per Barzahlungen gezahlt. Millionen sollen von Hand zu Hand übergeben werden. Blatter behauptet, bis zur Erklärung der Zahlungsunfähigkeit im Mai nichts von den Finanzproblemen der ISL gewusst zu haben. Eine Zürcher Anwaltskanzlei informiert die FIFA genau ein Jahr vor der Insolvenz davon, dass die ISL zahlreiche Unterlizenzverträge abgeschlossen hätte. Ein Vorgehen, das klar gegen die Statuten des Weltfußballverbandes verstoße, die Blatter so wichtig sind. Drei Monate vor dem Crash meldet sich Blatter persönlich mit „ernsten Sorgen“ an ISL-Chef Weber. In Wahrheit hat Weber schon seit längerer Zeit gemeinsam mit FIFA-Finanzchef Linsi ein Hilfsprogramm entwickelt, das Geld in die angeschlagene Agentur pumpt. Es hilft nichts, die ISL muss Insolvenz anmelden. Pro Forma erhebt die FIFA natürlich auch Strafanzeige. Was sein muss, muss sein: Die Öffentlichkeit würde sich wundern, wenn man das viele Geld, dass die ISL der FIFA noch schuldet, nicht einklagt. Der Schweizer Sonderermittler Thomas Hildebrand entpuppt sich als Bluthund, der sich bis zum Kern der Sache vorkämpfen möchte. Als die Verflechtungen mit dem Weltfußballverband ans Tageslicht kommen könnten, beschließt Blatter ein Abkommen mit dem Masseverwalter zu treffen: Korruptionsverdunkelungsvertrag – nennt die Presse dieses Agreement. Lächerliche 2,5 Millionen Franken werden zurückbezahlt, der Chefermittler erfährt nicht von wem. Sonderermittler Hildebrand ermittelt trotzdem auch gegen die FIFA. Wegen Schädigung des Verbandes werden zwei Funktionäre zu 5,5 Millionen Franken Strafe verurteilt.  Auch der Chef gerät ins Fadenkreuz der Justiz: Blatters Glück ist das Fehlen eines Korruptionsparagraphen für den Sport. Er muss von den Schmiergeldzahlungen der ISL gewusst haben, erläutert der Staatsanwalt, aber Blatter schweigt. Er widmet sich lieber seinem Prestigeprojekt, das 2006 fertiggestellt wird.

155 Millionen Euro verschlingt die FIFA-Kathedrale am Zürichberg: Sechs Stockwerke, Steinböden mit Lapislazuli-Inlays, Kronleuchter. „Dieses Haus steckt voller Energie und Kraft. Es ist riesig und sehr intim.“ Der kleine Schweizer wirkt wie ein Sektenführer, wenn er von Liebe, Familie, Glaube spricht und das tut er oft. Hallo, Erde an Sepperl! Es geht immer noch um Fußball. Nicht für ihn, er kämpft gegen die „niederträchtigen Medien“, die ihn nur schlechtmachen. In Wahrheit geht es um unglaublich viel Geld und das gibt FIFA-Exekutivmitglied Jack Warner a gern zu: „Geld“, sagt er, ist der Grund, warum die WMs 2018 und 2022 im Doppelpack vergeben werden. Warners Rechnung ist einfach: Die doppelte Vergabe sorgt für kurzfristigen Druck am Markt und die FIFA hat auf einen Schlag für acht Jahre lang Ruhe. Wer mag, kann sich jetzt noch ein schönes Zubrot für seine Pension verdienen und dann neuen Exekutivmitgliedern ein freies Feld überlassen.

Brasilien, Russland, Katar

Die Austragung des Turniers 2018 geht an Russland. Präsident Putin wünscht sich ein Prestigeprojekt – wie die Winterspiele 2014 in Sotschi. Blatter verlangt im Gegenzug keine mediale Kritik an „seinem“ Verein. Das lässt sich machen und Russland ist nur allzu gern bereit die Vorgaben des Weltfußballverbandes zu erfüllen.

Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger kritisiert das Verhalten der Delegierten, wenn über die Verletzungen von Arbeitnehmerrechten, die brutalen Umsiedlungen oder den fehlenden Umweltschutz im FIFA-Plenum diskutiert wird. „Das geht uns nichts an.“, würden viele Verbandsverantwortliche einfach sagen. Tatsächlich geht es die FIFA wohl etwas an, steht doch in ihrem Forderungskatalog, dass die Aussetzung von nationalem Arbeitsrecht für die Vorbereitung der Endrunde im Veranstalterland beschlossen werden muss. Russland hat ein sogenanntes FIFA-Gesetz als Ersatz für die Suspendierung von russischem Arbeitsrecht verabschiedet, das von internationalen Juristen als „Versklavung“ qualifiziert wird: Es beinhaltet keine Überstunden- oder Urlaubsregelungen und auch die Festsetzung von Löhnen erfolgt nach dieser Norm ausschließlich auf Arbeitgeberseite. Betrieben hat das Gesetz Witali Mutko, russischer Sportminister und FIFA-Exekutivmitglied.  Die FIFA verschließt ihre Augen vor Menschenrechtsverletzungen in Katar oder Brasilien. Von den katarischen Baustellen kommen hunderte Arbeiter im Blechschachterl zurück. Die Hackler, die vielfach als Gastarbeiter schuften, werden weder mit Helm noch mit Handschuhen ausgestatten. Arbeitspapiere gibt es nicht. Anlässlich der Endrunde in Brasilien gibt es zahlreiche ehrenamtliche Organisationen, die ihr Heimatland und nicht die FIFA von dem Ereignis profitieren lassen wollen – außer eine freundlichen europäischen Presse können sie jedoch kein Kapital schlagen.

Bonita Mersiades sitzt bei der Bewerbung Australiens für die Austragung der WM 2022 im Organisationskomitee des fünften Kontinents. 2015 zieht sie in der Wochenzeitung Die Zeit eine erschreckende Bilanz: „Was wir bei der Fifa beobachten, ist typisch für Organisationen, deren Einkünfte enorm und schnell steigen und die ohne externe Prüfung agieren. Bei der Fifa kommt hinzu, dass sie von keinem Markt bestraft und von keinem Kontrollorgan oder Volk abgewählt werden kann.“ Damals bekommt Mersiades mit, welche heimlichen Deals hinter den Kulissen ablaufen. FIFA-Männer verlangen Millionen Dollar für ihre Stimme. Die Drecksarbeit wird dabei durch Mittelsmänner verrichtet, sodass keine Spur zu den Funktionären führt. Mersiades erwirkt schließlich die Einleitung einer juristischen Untersuchung: Sie vergleicht die Bewerbung Australiens mit jenen von Deutschland und Südafrika. Es liefe immer derselbe modus operandi ab, behauptet Mersiades: Geld wird jeweils an den ozeanischen, an viele afrikanische und an den karibischen Fußballverband – zu Handen von Jack Warner – gezahlt. Getarnt werden die Mittel als Entwicklungshilfe. Und auch die Mittelsmänner sind alte Bekannte. Die beiden Deutschen Fedor Radmann und Andreas Abold haben sowohl bei der deutschen als auch bei der südafrikanischen und australischen Bewerbung ihre Hände im Spiel. Radmanns Laufbahn klingt typisch: Er fängt bei adidas an, arbeitet später für die ISL und organisiert heute auf eigene Rechnung Sportevents. Für die Weltmeisterschaften müssen Bewerbungsportfolios, die teuer abgerechnet werden, erstellt werden. Der Saldo ist Schmiergeld mit denen Wahlstimmen gekauft werden, sagt Mersiades.

Die nicht-offiziellen Mittelsmänner und die Geheimkonten werden der FIFA jedoch später zum Verhängnis. Großteils laufen die Bestechungszahlungen nämlich über US-Banken. Diese Praktik ruft bald das FBI auf den Plan. Als Jeffrey Webb, Fußballfunktionär der Cayman Islands, am 27. Mai 2015 mit acht anderen FIFA-Männern verhaftet wird, packt er bald aus, denn ihm steht das Wasser bis zum Hals. Die Behörden drehen ihn um: „Sing like a bird“, heißt das in den Vereinigten Staaten, die seitdem wissen wollen, ob bei jeder WM-Vergabe seit ’98 geschmiert wurde.

Marie Samstag, abseits.at

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Marie Samstag