Europa ist seit jeher der sportliche und finanzielle Nabel des globalen Fußballs, sowohl auf Klubebene als auch bei internationalen Großereignissen wie Weltmeisterschaften. Genauso bei... Erfolgsgarant Integration: Fußball-Weltmächte und ihre ehemaligen Kolonien
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_Afrika Kontinent

Europa ist seit jeher der sportliche und finanzielle Nabel des globalen Fußballs, sowohl auf Klubebene als auch bei internationalen Großereignissen wie Weltmeisterschaften. Genauso bei Zuschauerzahlen und Transfererlösen, spielen europäische Mannschaften ganz vorne mit. Und auch wenn es immer mehr Veränderungen im schnelllebigen Geschäft des globalen Fußballs während der letzten Jahre gab, die wirklichen Top-Leute spielen fast ausschließlich in Europa.

Doch wie lässt sich diese bereits über 100 Jahre ungebrochene Vorherrschaft erklären? Erst einmal sind natürlich die Errungenschaften in den Bereichen Taktik und Technik, die langfristigen Investitionen in gute Ausbildungsstätten für junge europäische Fußballer sowie die exzellente Vermarktung der Champions League und den „Top 5“-Ligen hervorzuheben.

Dennoch gibt es auch noch einen weiteren, nicht unwesentlichen Grund, der europäischen Ländern, vor allem Ex-Kolonialmächten wie Frankreich, England oder Portugal, einen gewaltigen Vorteil in der qualitativen und quantitativen Auswahl für die Nationalmannschaften gibt: die systematische Abschöpfung ihrer ehemaligen Kolonien in Afrika und Südamerika.

Die interessierten Fußballfans wissen zwar schon seit Eusebio, der 1942 im heutigen Mozambique geboren wurde, aber als einer der besten portugiesischen Fußballer überhaupt gilt und als Benfica Lissabon Legende in die Geschichte eingegangen ist, dass zumindest Afrika in diesem Zusammenhang bereits früh marginalisiert wurde.

Neben dem bereits erwähnten Eusebio, gab es auf englischer Seite den Nationalspieler John Barnes. Der ehemalige Offensivstar vom FC Liverpool wurde 1963 auf Jamaika geboren, emigrierte im Kindesalter nach England und nahm, nachdem sein Talent erkannt wurde, die englische Staatsbürgerschaft an, für deren Auswahl er in weiterer Folge fast 80 Länderspiele bestreiten sollte.

Wenn man noch früher in die Geschichte zurückgeht, darf man den Namen Arthur Wharton nicht unerwähnt lassen. Der gebürtige Ghanaer emigrierte ursprünglich als erfolgreiches „Opfer“ der britischen Missionierungsbemühungen nach England um Theologie zu studieren, wurde dort jedoch der erste schwarze britische Profifußballer. Der Tormann und (!) Flügelstürmer spielte Ende des 19. Jahrhunderts unter anderem bei Rotherham Town, Sheffield United und Preston North End, jedoch nie für das englische Nationalteam.

8. Juli 1998 im Stade de France, kurz vor 23:00: Frankreich gewinnt das Halbfinale gegen Kroatien mit 2:1, dank zweier Tore vom Defensivspieler Lilian Thuram, geboren in Pointe-à-Pitre, Guadeloupe. Im Finale kamen mit Marcel Desailly, (*Accra, Ghana) Christian Karembeu, (*Lifou, Neukaledonien) Patrick Vieira (*Dakar, Senegal) und dem besagten Lilian Thuram vier Spieler, die in Ex-Kolonien geboren wurden, für Frankreich zum Einsatz. Und das höchst erfolgreich.

Hier wurde trotz der schrittweisen Unabhängigkeit der meisten afrikanischen und/oder südamerikanischen Staaten ein System gefestigt, welches seinen rechtlichen Rahmen in diversen EU-Gesetzen, beginnend vom „Bosman-Urteil“ bis hin zum „Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union“ erhielt. Auch im österreichischen Staatbürgerschaftsgesetz ist verankert, dass ,,Fremde“ unter gewissen Umständen „Einheimische“ werden können, nämlich wenn sie nach § 11a Abs. 6. „…besondere Leistungen auf […] sportlichem Gebiet erbracht haben oder von denen diese zu erwarten sind kann von der vorgeschriebenen Hauptwohnsitzdauer (6 Jahre) abgesehen werden […] Besonders schnell gibt es die Staatsbürgerschaft, wenn die Bundesregierung bestätigt, dass die Verleihung wegen der vom Fremden bereits erbrachten und von ihm noch zu erwartenden außerordentlichen Leistungen im Interesse der Republik liegt.[…]”

Wenn man sich heute die Korrelation von ehemaligen Kolonialmächten und ihren einstigen Gebieten in Afrika und der Karibik anschaut, erkennt man noch immer deren alte Wirkungsmacht im Bereich der Einbürgerungen, vor allem von Sportlern. Im Fußball sind diese Tendenzen eindeutig ersichtlich, wie man anhand der Beispiele Portugal, Frankreich, den Niederlanden, England und Belgien sieht.

Aber auch andere Staaten wie die Schweiz zeigen aufgrund ihrer vielen Einbürgerungen mit einer multinationalen Nationalmannschaft auf. Die folgenden Exempel demonstrieren, dass die Methode der fußballerischen Einbürgerungen nichts Neues ist. Hier einige Beispiele von professionellen Fußballern, die trotz ihrer afrikanischen und karibischen Herkunft für europäische Nationalteams tätig sind oder es waren.

Ob England, Frankreich oder Portugal, sie alle spielen mit…

In Großbritannien ziehen viele, vor allem ältere Beobachter die John Barnes kannten, Parallelen zum derzeitigen Flügelstürmer von Manchester City, Raheem Sterling, der ebenfalls in der Hauptstadt der Karibikinsel geboren wurde und aktueller englischer Nationalspieler ist.

Raheem Sterling ist nicht irgendjemand sondern gilt bereits seit seiner ersten Station in der Jugend von Queens Park Rangers als Ausnahmetalent, bevor ihm beim FC Liverpool der Durchbruch gelang. Im Sommer 2015 wechselte er schließlich für 62,5 Millionen Euro zu Manchester City, was ihn zum Premier-League-internen Rekordtransfer machte.

Komplizierter war es bei Wilfred Zaha von Crystal Palace, der in Abidjan (Elfenbeinküste) das Licht der Welt erblickte, mit vier Jahren nach England zog und dort diverse englische U-Auswahlen durchlief und sogar zwei Freundschaftsspiele für die A-Nationalmannschaft bestritt. Aufgrund der Tatsache dass es nur Freundschaftsspiele waren und vermutlich auch weil die anfänglich großen Erwartungen an Zaha von ihm nicht erfüllt werden konnten, beantragte er erneut einen Verbandswechsel und ist mittlerweile aktueller Nationalspieler der Elfenbeinküste.

Auch in der U18 und U21 Englands finden sich mit Jonathan Leko (*Kinshasa, DR Kongo), Brandon Galloway (*Harare, Zimbabwe) und Nathaniel Chalobah (*Freetown, Sierra Leone) Spieler, die in Afrika geboren wurden.

Auch in Frankreich, die europäische Fußball-Topnation, die vermutlich am meisten auf Spieler ihrer ehemaligen ,,Besitztümer“ in Afrika bzw. der Karibik zurückgreift, finden sich neben dem eingangs besprochenen Weltmeisterteam von 1998 auch heute noch etliche, teils hoch talentierte Spieler, die nicht in Frankreich geboren wurden.

Mit dem Torhüter Steve Mandanda steht ein gebürtiger Kongolese für Frankreich zwischen den Pfosten, während Samuel Umtiti, seines Zeichens junger und hoch veranlagter Verteidiger des FC Barcelona, geboren in Yaounde, Kamerun die Defensive zusammenhält und Thomas Lemar das Riesentalent vom AS Monaco, 21 Jahre jung, in Guadeloupe auf die Welt gekommen ist und mittlerweile auch bereits A-Nationalspieler Frankreichs, für die Offensivakzente sorgen soll.

Weitere Nachwuchsnationalspieler, die am Sprung in das A-Team sind und in den Ex-Kolonien Frankreichs auf die Welt kamen, sind unter anderem: Wylan Cyprien und Marcus Coco, beide auf Guadeloupe geboren oder Jean Pierre Gbamin, (*San Pedro, Elfenbeinküste) um nur wenige Beispiele zu nennen. An dieser Stelle soll gesagt sein, dass die Auswahl der Spieler nicht willkürlich gemacht wurde, sondern dass es sich hier um Talente handelt, welche die Anlagen für Weltklassespieler besitzen.

Ebenso die europäische Selecao wie sie genannt wird, hat als eines der ersten Länder erkannt, ,,Spitzenarbeitskräfte“ aus von ihnen besetzten Ländern in Afrika, aber auch aus Brasilien, frühzeitig einzubürgern. Viele bekannte Fußballer wie die „Brasilianer“ Pepe von Real Madrid und Deco, (ehemals FC Barcelona, FC Porto, FC Chelsea) der „Kongolese“ Jose Bosingwa (Ex FC Chelsea) sowie Nani (Ex Manchester United, jetzt FC Valencia), Rolando (Ex Inter Mailand, derzeit Olympic Marseille) und Gelson Martins (das größte Talent von Sporting Lissabon) die von afrikanischen Inselstaat Kap Verde kommen, sich jedoch alle für die portugiesische Nationalmannschaft entschieden haben.

Aber auch unter den aufstrebenden Talenten sowie aktuellen Nationalspielern Portugals ist eine Vielzahl außerhalb ihrer neuen Heimat auf die Welt gekommen. Sporting Lissabons Starspieler William Carvalho zum Beispiel, dessen Transfer zu einem Top-Team nur eine Frage der Zeit ist, wurde in Angolas Hauptstadt Luanda geboren. Eder (OSC Lille) und Danilo Pereira (FC Porto) sowie die U21-Spieler Edgar Ie (Belenenses Lissabon) und Bruma (Galatasaray) sind gebürtig aus Guinea-Bissau.

Im Falle Portugals ist die Korrelation zu den ehemaligen Kolonie am eindeutigsten, da die vom europäischen Land rekrutierten Spieler wirklich ohne Ausnahme zu Staaten gehören, auf die Portugal über einen langen Zeitraum direkten Einfluss hat(te).

Aber auch in auf den ersten Blick „kleineren“ Fußballnationen wie Belgien gibt es eine starke Anlehnung an ihr einziges ehemaliges „Besitztum“ in Afrika, nämlich die heutige DR Kongo. Das wohl bekannteste Exempel für eine aktuellen Nationalspieler aus der ehemaligen Kolonie ist der derzeitige English Premier League Stürmer Christian Benteke.

Ebenso wie sein Stürmerkollege aus Belgiens U21, Landry Nany Dimata, zuletzt immer wieder mit dem VfL Wolfsburg in Verbindung gebracht, wurde er im eben genannten Kongo geboren. Auch der zweifache Nationalspieler Belgiens und Rechtsverteidiger von Galatasaray Istanbul, Luis Pedro Cavanda ist außerhalb seiner Wahlheimat, nämlich in Angola auf die Welt gekommen, spielt aber für die Diables Rouges, genauso wie der im Kongo geborene Neo-Nationalspieler vom FC Watford, Christian Kabasele.

Die niederländischen Vertreter, von denen die meisten aus Suriname stammten, waren die Oranje-Stars der 90er Jahre: Edgar Davids, Clarence Seedorf und Jimmy Floyd Hasselbaink. Im Falle der Niederlande muss man sagen, dass diese Spiele eine ganze Ära des holländischen Fußballs nachhaltig geprägt hatten. Neben ihren besonderen Leistungen am Spielfeld, galten die drei genannten Fußballer als außergewöhnliche Persönlichkeiten, auch außerhalb des Platzes.

Davids, der wegen Kontaktlinsenunverträglichkeit stets mit Brille das Spiel seiner Mannschaft diktierte, war für Ajax Amsterdam, sämtliche großen italienischen Vereine, sowie den FC Barcelona und Tottenham Hotspur tätig, wobei er drei italienische und drei niederländische Meisterschaften holte, sowie sensationell die Champions League 1994/95 mit Ajax gewinnen konnte.

Seedorf, der wie Davids aus der Ajax-Jugend kommt, feierte unglaubliche vier Champions League Titel mit drei verschiedenen Vereinen, was bis heute einzigartig auf der Welt ist. Jimmy Floyd Hasselbaink hingegen, der 1978 aus Suriname nach Holland gezogen war, wurde 1999 und 2001 Torschützenkönig der englischen Premier League.

Besonders schnell und geschickt bei Einbürgerungsverfahren von Sportlern handeln aber nicht nur ehemalige Kolonialmächte, sondern zum Beispiel auch die, nach der Größe bemessen, beschauliche Schweiz. Abgesehen von den zahlreichen Spielern die in Ost- und Südosteuropa geboren wurden (vor allem in Albanien und dem Kosovo), auf die hier aber nicht der Fokus gelegt werden soll, finden sich überraschenderweise auch etliche Schweizer Nationalspieler die in Afrika auf die Welt kamen.

Allen voran die jungen aufstrebenden Talente aus Kamerun rund um den Schalker 23-Millionen-Euro-Stürmer Breel Donald Embolo, den YB-Tormann Yvon Mvogo und das Red-Bull-Salzburg-Talent Dimitri Oberlin (alle *Yaounde). Während Embolo, der zweiteuerste U19 Transfer der Bundesliga-Geschichte, bei Schalke04 als künftiger Welttorjäger gehandelt wird, ist auch Dimitri Oberlin vermutlich ein Stern am zukünftigen Fußballhimmel. Mvogo wiederum widerspricht dem Vorurteil, afrikanische Torhüter hätten nicht das Zeug für dauerhafte Top-Leistungen.

Auch der 66-fache Nationalspieler Johan Djourou wurde im afrikanischen Abidjan (Elfenbeinküste) geboren, während François Moubandje vom FC Toulouse in Douala (Kamerum) und Gelson Fernandes auf Kap Verde das Licht der Welt erblickt haben.

Beim Erfolg „einer von uns“, beim Misserfolg ungern gesehen

Doch warum sind diese Entwicklungen nur beim ersten Hinschauen überraschend? Damals wie heute gab und gibt es in Europa die Möglichkeit über sportlichen Erfolg zu gesellschaftlicher Anerkennung und finanziellen Wohlstand zu kommen. Da viele typische europäische Sportarten wie Schifahren, Golf, Rugby oder Tennis noch immer bestimmten sozialen Klassen vorbehalten sind, zählt der Fußball zum wichtigsten Vehikel sozialer Integration auf der einen Seite und zur Möglichkeit zu Reichtum zu kommen auf der anderen Seite.

Natürlich ist hier der Grund, mit Hilfe eines populäreren Nationalteams mehr im Rampenlicht von Öffentlichkeit und Verein zu stehen, auch nicht außer Acht zu lassen. Dennoch sehen gerade viele Jugendliche, die aus einem sozial schwächeren Umfeld kommen, den Fußball als Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs. Nationale Identifikation und Migration stehen hier im Spannungsverhältnis zu einander und geben diesen eigentlich sehr unterschiedlichen Begriffen ein gewisses Naheverhältnis.

Umgelegt auf den Fußball bedeutet das, dass Migrantenkinder oft mit größeren Ambitionen ihrem Traum vom Fußballprofi nachgehen. Die größte Motivation hierbei sind das Streben nach sozialer Anerkennung sowie finanzieller Sicherheit, zwei Umstände, mit denen die meisten europäischen Kinder bereits aufwachsen.

Interessant gestaltet sich auch der öffentliche und mediale Diskurs, wenn es um Einwanderer in Nationalteams geht. Auf der einen Seite gilt der „nützliche Migrant“ als positives Beispiel von Integration, der seine Wahlheimat auf sportlicher Ebene stolz macht und somit rasch als „integriert“ gilt und öffentlich als verheißungsvoll dargestellt wird.

So schnell man von Öffentlichkeit und Zeitungen hochgejubelt werden kann, genauso schnell kann man wieder fallen, besonders wenn man kein heimischer sondern ein im Ausland geborener Fußballer ist, der auf Nationalteamebene nicht mehr die Leistungen bringt, die erwartet werden.

Kurz gesagt: Wenn ein multikulturelles Team Erfolge feiert, wird die Diversität gelobt, während bei schlechten Leistungen relativ rasch der Migrationshintergund gepaart mit rassistischen Stereotypen, in den Vordergrund treten, siehe David Alaba oder das französische Weltmeisterteam von 1998 und der Equipe zum „WM-Skandal“ 2010 in Südafrika im Vergleich.

Matthias Krammerstorfer, abseits.at

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Matthias Krammerstorfer