Gestern erschien bei uns der erste Teil dieses Artikels, den ihr euch durchlesen solltet, bevor es hier weitergeht. Ein Schulmeister und ein Narr Otto... Kicker unterm Hakenkreuz (4)  –  Des Teufels knusprige Beute |  Richard „Little Dombi“ Kohn & Otto Nerz (2)

Retro Fussball_abseits.atGestern erschien bei uns der erste Teil dieses Artikels, den ihr euch durchlesen solltet, bevor es hier weitergeht.

Ein Schulmeister und ein Narr

Otto Nerz wird schon 1926 auf Betreiben des DFB-Präsidenten Linnemann als erster offizieller Reichstrainer der Nationalmannschaft eingesetzt. Linnemann setzt sich mit der Bestellung des Fußballfachmanns über seine Präsidiumskollegen hinweg. Er ist vom damals 33-jährigen überzeugt. Gemeinsam haben sie ehrgeizige Ziele, dazu gehört auch die Initiation eines Verbandes, der ausgebildete Trainer gegen einen geringen Unkostenbeitrag an kleine Vereine vermitteln soll. So sollen in ganz Fußballdeutschland professionelle Strukturen in den Klubs aufgebaut werden und das 1-Mal-1 der Taktik auch in die hintersten Winkel des Reiches gebracht werden.

Der Reichstrainer Otto Nerz wünscht sich eine Systemänderung der Nationalmannschaft und drückt seinen Spielern in den acht Jahren bis zur Weltmeisterschaft ’34 das sogenannte W-M-System auf. Das gefällt vielen gar nicht: „Uns Bayern behagte damals das neue Nerz’sche System nicht“, sagt Nationalspieler Haringer, „wir wollten spielen, stürmen, nicht Fußball rackern oder arbeiten.“ Nerz beruft den Schalker Stürmer, Fritz Szepan, als Stopper ein und bindet auch dessen Gelsenkirchner Kompagnon Ernst Kuzorra vermehrt in die Mannschaft ein. Ein Risiko – denn die wohl erfolgreichsten deutschen Stürmer ihrer Zeit – Schalke wird zwischen 1934 und 1942 sechsmal Meister – hatten sich auf nationaler Ebene bis dahin nie recht wohlgefühlt. Nerz Laufbahn, die mit einem Überraschungssieg gegen die Niederlande beginnt, ist allerdings nicht durchwegs vom Glück geküsst: Jener dritte WM-Platz bleibt sein größter Erfolg. Das bittere Ausscheiden bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin ist das Ende für Nerz‘ Karriere im DFB-Team. Man versucht ihn loszuwerden. Privat ist der Perfektionist mit militärischer Zackigkeit und Befehlston schon seit jeher als kalt und unnahbar bekannt. Er hat einen scharfen Verstand, mehrere abgeschlossene Studien, verfügt über ein außergewöhnliches Sprachentalent, seine Begabung im sozialen Umgang lässt aber zu wünschen übrig. So schreibt die Stuttgarter Zeitung nach Nerz Tod: „Hätte er nur etwas mehr Charme und einen Schuss mehr Leichtigkeit besessen, dann würden noch viel mehr Menschen an persönliche Begegnungen mit ihm freudig zurückdenken.“ Der Nachruf der Schwaben bleibt allerdings einer der wenigen seiner Art. Die meisten Sportzeitschriften übergehen den Tod des ersten Reichstrainers kommentarlos. War es nur Nerz herrische Art oder die fehlenden Erfolge, die ihn rasch in Vergessenheit geraten ließen? Es liegt wohl an der Schwere der weltpolitischen Ereignisse, dass Otto Nerz sportliche Kompetenz in Proportion zu seinem Naturell und der späteren Entwicklung seiner Karriere gesetzt in den Hintergrund tritt. Jahre später wird überhaupt der Mantel des Schweigens über sämtliche Aspekte der NS-Herrschaft gestülpt. Um es mit dem Herrn Karl zu sagen: „Das sind Zeiten, da wollen wir nicht dran rühren. Daran erinnert sich niemand gern…“

Dombi geht von den Grasshoppers erneut zum FC Barcelona, dann zum FC Basel und danach zu Feyenoord Rotterdam, wo er zweimal Meister wird und nach dem Verpassen der Bezirksmeisterschaft selbst um Auflösung seines Vertrages bittet. Nach dieser Station verliert sich die Spur des in Holland beliebten Trainers vorerst. Am 10. Mai 1940 marschieren deutsche Truppen in den Niederlanden ein, doch ein Richard Kohn, mosaisch, findet sich später auf keiner der berüchtigten NS-Transportlisten. Während Dombi verschwunden ist, sitzt Otto Nerz als geschasster Reichstrainer in der Redaktion des Berliner Zwölf-Uhr-Blatts und arbeitet mit voller Bitterkeit gegen die undeutsche Sportwelt an hirnverbrannten Artikeln. Ab 1939 verdingt er sich vorwiegend als Kolumnist, wobei er sich in weltfremde Thesen verspinnt und die (vermeintliche) jüdische Weltherrschaft mit dem – aus deutscher Sicht – verpöntem Kommerz im Profisport in Zusammenhang bringt. Unverständlich, wie die Wandlung Nerz zum Antisemiten Erster Klasse von Statten ging, ist er doch zunächst als patriotischer aber liberaler Zeitgenosse bekannt. Wenn man jedoch tiefer gräbt, entdeckt man beim eingeschriebenen SPD-Mitglied (!) bereits Anfang 1933 eine rassistische Grundhaltung: So erläutert Nerz auf einer DFB-Tagung zu Beginn des Jahres mit Nachdruck die Minderwertigkeit des jüdischen Volkes. Er ist der Einzige der Anwesenden, der sich zu diesem Thema überhaupt äußern wollte. Wann lud sich Nerz diesen Hass auf? War es bereits in der Kindheit? In der Herrenackerstraße in Hechingen, in Baden-Württemberg?

Ottokars Glück und Ende

Dort wird Otto Nerz am 21. Oktober 1892 als eines von zwölf Kindern geboren. Im idyllischen Hohenzollernstädtchen an der Schwäbischen Alb sind um 1850 rund ein Viertel der Bevölkerung jüdischer Abstammung. Die Verhältnisse der Familie Nerz sind zunächst kleinbürgerlich, der Vater eröffnet ein Geschäft für Schuhe und Bürsten in der Altstadt und kommt so gut über die Runden. Doch als er erblindet, muss sich die Familie mit einer kleinen Landwirtschaft außerhalb der Stadt über Wasser halten. Entsteht hier Ottos Neid auf jene, die es besser haben? Als Kind sieht er viele gut betuchte Kaufleute und Industrielle, die in ihrer Gemeinde mit der Synagoge in der heutigen Goldschmiedstraße ein aktives, jüdisches Leben führen.

Der Verkauf der hauseigenen Milch ermöglicht Otto den Besuch des Gymnasiums, wo er sein Fußballtalent entdeckt. 1910 siedeln die kinderreichen Nerz nach Mannheim um. Gemeinsam mit Bruder Robert spielt Otto bald beim VfR Mannheim als Außenläufer. Er ist fleißig und diszipliniert. Da er rasch Geld verdienen muss, wird er schon mit 18 Jahren zum jüngsten Volksschullehrer des Landes ernannt. Vier Jahre später meldet sich der Patriot zum freiwilligen Kriegseinsatz. Er hat Glück im Unglück, denn ein Bauchdurchschuss in Galizien bewahrt ihn vor jenen Schlachten, in denen junge Männer wie die Hasen abgeknallt werden. Otto Nerz erlebt das Kriegsende im Lazarett. Er rüstet als Vizeleutnant ab und kehrt in seine Heimatstadt zurück. Bald hat er wieder Zeit sich dem Fußball zu widmen und beginnt seinen Stammverein sowie die Süddeutsche Auswahl zu trainieren. Er leistet „stille, gediegene Arbeit“, die Mannheim bald zu einem Spitzenverein werden lässt. Ende 1919 geht Otto Nerz nach Berlin um für Tennis Borussia zu spielen. TeBe-Trainer Richard Girulatis überredet ihn an der neu eröffneten Hochschule für Leibesübungen ein Sportstudium aufzunehmen. Nerz ist Musterstudent und gehört zum ersten Jahrgang, der das Studium erfolgreich abschließt. Seine Diplomarbeit beschäftigt sich mit Fußballwintertraining und ist so gut, dass der Student alsbald zum Lehrer befördert wird. Die Hochschule bittet ihn dem Lehrkörper beizutreten. 1924 beendet er seine aktive Karriere und wird bei seinem Ex-Verein Trainer. Doch seine Arbeit bei TeBe und an der Sporthochschule genügt ihm nicht. Nerz will mehr: Er beginnt 1926 ein Medizinstudium, vor allem mit dem Hintergedanken die physiologischen Aspekte des Trainings zu verbessern und eine Ahnung von medizinischer Versorgung zu haben. Trocken bemerkt das Sporttagblatt in einer Notiz: „Der deutsche Reichstrainer will Arzt werden und hat bereits die erste Prüfung abgelegt.“

Zeitgenossen beschreiben ihn als wissensdurstig und penibel. Pünktlichkeit, Engagement und Ordnung sind Nerz wichtig. Am Feld soll die Mannschaft präzise wie ein Uhrwerk funktionieren. Kreative Vorstöße lehnte er als „unberechenbar“ ab. Der Pedant Nerz schickt seinen Spielern regelmäßig Briefe, in denen er sie zu einem disziplinierten Leben mahnt. Bald rufen ihn alle hinter vorgehaltener Hand – in Anspielung auf den böhmischen König – nur mehr Ottokar. Er geht Konflikten aus dem Weg, verlangt aber eiserne Disziplin und Opferbereitschaft. „Eckige Barschheit“, nennen manche sein Auftreten. Nach Kriegsende hat Nerz beim VfR Mannheim seinen späteren Nachfolger Sepp Herberger kennengelernt. Sie bleiben in Kontakt und aus der Retrospektive lässt sich heute feststellen, dass vieles, was dem legendären und beliebten Trainer zugeschrieben wird, eigentlich auf die Kappe seines vergessenen Mentors geht. Es ist Nerz, der sich die britischen Trainingsmethoden zu eigen macht: Trainingslager, Konditionsarbeit, Taktik, Sportgymnastik. Er legt viel Wert auf den Charakter seiner Spieler und dreht jeden Stein in ganz Deutschland um, um keinen Guten zu übersehen. „Der deutsche Fußballbund an…“ – viele Vereine und Spieler finden in dieser Zeit Post in ihren Briefkästen. Nerz lädt sie zum Probetraining und zu Lehrgängen ein.

Die unverrückbare Haltung des DFB in Sachen Profitum führt aber trotz all der Mühen dazu, dass „Ottokar“ kaum zählbare Erfolge erwirtschaften kann. Erst 1928 betreten die Deutschen das internationale Fußballparkett. Bei den Olympischen Spielen in Amsterdam müssen sie im zweiten Spiel eine 1:4-Niederlage gegen Uruguay ausfassen. 1933 promoviert Otto Nerz zum Doktor der gesamten Heilkunde. Vom Machtwechsel ist der frischgebackene Arzt begeistert. Er hat seine patriotische Grundhaltung von vor dem ersten Weltkrieg nicht verloren, pflegt jedoch bis zu Hitlers Reichskanzlerschaft gemäßigte Ideen. Es stört ihn bis dato auch nicht für den als „Judenklub“ verschrienen TeBe tätig gewesen zu sein. Jetzt ändert sich alles. Nerz tritt aus der SPD aus und wird NSDAP- und SA-Mitglied. Es ist die Sorge um den geliebten Fußball, die ihn dazu bringen, sich der brauen Bande an den Hals zu werfen. „Die Tendenzen des Berufssports, der Verbands- und Vereins-Egoismus, der Partikularismus, die politische Zerrissenheit und die Weltwirtschaftskrise bewirken eine Situation, die jede Aufbauarbeit hinderten.“, erklärt er seinen Gesinnungswandel. Dazukommen die verschrobenen Züge des Trainers. So ist er der Meinung, dass es unmöglich Zufall sein könne, dass auch der sportliche Aufstieg des deutschen Nationalteams mit Hitlers Amtszeit als Reichskanzler begann. 1936 legt er die ärztliche Prüfung zum Chirurgen ab und beginnt zwei Jahre später als Professor an der Reichsakademie für Leibesübungen zu unterrichten. Die Olympischen Spiele in Berlin sollen Nerz großer Moment werden. Jetzt kann er vor den Augen der Welt (und denen des geliebten Führers) endlich die Früchte seiner zehnjährigen Arbeit ernten. Doch das Turnier wird für die Deutschen und ihren begeisterten Coach zum Fiasko. Gegen das kleine Norwegen muss man schon im zweiten Gruppenspiel eine 0:2-Niederlage einstecken. Adolf Hitler verlässt in der 83. Minute ärgerlich das Stadion und gibt Anweisung den glücklosen Trainer sofort zu entlassen. Noch am Abend wird Nerz von seiner Freistellung informiert. All die Mühen waren umsonst, denn das System verzeiht keine Fehler. Nerz muss gehen, er schafft es aber sich zunächst in beratender Funktion im Trainerstab zu halten. Erst im Mai 1938 übergibt er endlich die volle Verantwortung an Sepp Herberger und zieht sich zurück. Er bleibt zwar im „Fachamt Fußball“ tätig, arbeitet nun aber hauptsächlich als ärztlicher Dozent und als Kolumnist. Am Institut für Sportmedizin unterrichtet er gemeinsam mit Karl Gebhardt. Sie verstehen sich gut. Beide wünschen sich ein „judenfreies Europa mit judenfreiem Sport“. Generalleutnant Prof. Dr. Karl Gebhardt wird wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit 1948 gehängt. Seine medizinischen Experimente haben tausende Unschuldige das Leben gekostet. Otto Nerz gerät als Oberstabsarzt in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wird im ehemaligen KZ Sachsenhausen festgehalten. Als seine Identität und Funktion im NS-Apparat bekannt wird, steht eine Entlassung außer Frage. Im Frühling 1949 stirbt der 56-jährige Otto Nerz in Sachsenhausen an Meningitis: Das Ende eines missverstandenen Lebens.

Nicht nur Dombi, sondern auch Nerz wird zum Opfer des Nationalsozialismus. Ohne die Selbstverantwortung des Deutschen mindern zu wollen, so muss man doch festhalten, dass Nerz fachliche Kompetenz durch sein Engagement für die nationalsozialistische Ideologie zu Unrecht mitverachtet wird. Nerz ist der lebende Beweis dafür, dass höhere Bildung nicht davor schützt, sich in eine totale Umkehr der Werte zu stürzen. Hinter der Maske des spröden Biedermannes steht ein Naturwissenschaftler, der pseudointellektuellen Rassentheorien auf den Leim gegangen ist. Nerz wird ab 1933 des Teufels Fußballtrainer. Seine herausragende Arbeit für die Entwicklung des Fußballsportes gerät so für immer in den Hintergrund. Der Trainer – wohlgemerkt nur der Trainer Otto Nerz – ist so geopfert worden.

Eine Praxis in Holland

Wo „Little Dombi“ die Kriegsjahre verbringt, ist nicht bekannt. 1951 sitzt er erneut bei Feyenoord Rotterdam auf der Bank und eröffnet in der niederländischen Hafenstadt eine Massagepraxis. „Wunderdoktor“, nennen die Rotterdamer ihren kleinen Cheftrainer, der sich jetzt Dr. Richard Dombi nennt. Ein abgeschlossenes Medizinstudium hat er zwar nicht, seine Massagetechnik sind aber das beste Heilmittel, finden viele seiner Schützlinge. Anfang der 50er kann er zwar nicht mehr an seine einstigen Erfolge mit Feyenoord anknüpfen, spielt jedoch in der Saison 1954/55 als den Niederländern der Abstieg droht, ein drittes Mal den Feuerwehrmann für den heute vierzehnfachen Meister. Mit seinem Mentaltraining impft er den Spielern genügend Kraft für den Abstiegskampf ein. 1956 zieht sich der mittlerweile 68-jährige Wiener endgültig vom Profisport zurück. Sein letzter Verein gewährt ihm eine Pension auf Lebenszeit. Er erwirbt die niederländische Staatsbürgerschaft und lebt noch sieben Jahre lang in seiner Wohnung im Süden von Rotterdam. Am 16. Juni 1963 erliegt Richard „Little Dombi“ Kohn einer Krebserkrankung. Ein Blick in die Vereinschronik von Feyenoord verrät, wie sehr der gebürtige Österreicher geschätzt wird: „Vom Himmel gesandt wurde uns der größte Trainer, der jemals in den Niederlanden tätig war. Er war es, der Feyenoord eigentlich erst gelehrt hat, Fußball zu spielen.“

Dombi und Nerz – zwei Zeitgenossen, die außer derselben Leidenschaft wenig verbindet. Vielleicht hatten sie noch einen ähnlichen Pioniergeist gemeinsam, der sie dazu ermutigte neue Wege zu gehen. Beide blieben sie unverheiratet und kinderlos. Beide sind sie heute vergessen. Das ist zumindest bei Dombi bedauerlich, denn die Erfolge des Österreichers sprechen für sich. Und damit ist nicht vorrangig die Arbeit gemeint, die er bei seinen Vereinen ablieferte, sondern vor allem die Fürsprache, die seine Mitmenschen für ihn leisteten. Über Otto Nerz hört man ganz andere Dinge.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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