Der Jänner ist traditionell nicht unbedingt der Monat der Scouts – sehr wohl aber der Monat, in dem die monatelange Arbeit der Scouts das... Folge deinem Wunschmann – so funktioniert professionelles Scouting!
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Ball unter der Lupe_abseits.atDer Jänner ist traditionell nicht unbedingt der Monat der Scouts – sehr wohl aber der Monat, in dem die monatelange Arbeit der Scouts das meiste Gewicht hat. Nicht gerade viele auslaufende Spielerverträge, eine dünne Marktsituation und jede Menge Managermails und –faxe. Scouting ist für internationale Topklubs, aber auch kleinere Vereine, unabdingbar geworden. Aber wie genau funktioniert es eigentlich?

Nicht nur die Ablösesummen und Spielergehälter sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten Stück für Stück in neue Rekordhöhen gestiegen: Auch die Informationsfülle erlebte in den letzten zehn Jahren eine gewaltige Entwicklung. Das Aufkommen des Internets veränderte einiges – sogar die Preise.

Mit jedem Gerücht wird Quote gemacht

Während früher nur die klassischen ein bis zwei Haus- und Hofschreiberlinge der Vereine, sowohl international als auch in Österreich, die heißesten Gerüchte abtippten, die sie via Festnetztelefon bei ihren Insiderspezis einholten und dem geneigten Leser am nächsten Morgen rechtzeitig zum Frühstücksei schwarz auf weiß präsentierten, wird der Fan heute von Transfermeldungen förmlich erschlagen. Die Qualitätsmedien verkünden Abschlüsse, bevor sie noch unter Dach und Fach sind. Die, die gerne das Prädikat „Qualität“ vor ihrem Medium sehen würden, verlagern sich aufs „Clickbaiten“, um sich in der zugriffslukrativsten Zeit des Jahres ihre Visits zu sichern, ohne auch nur die Hälfte der Kicker zu kennen, von denen man die erstbesten Creative Commons Bilder heraussucht, um den Leser zu einem Klick zu verführen.

Hochkonjunktur in Internetforen

Mal informativ, mal lästig – und dennoch immer mit einer gewissen Auswirkung auf den Markt. In sozialen Netzwerken und Foren wird jedes noch so kleine Zeitungsgerücht diskutiert, der Spieler somit ins Rampenlicht gestellt. Plötzlich sind der mazedonische Flügelflitzer und der ostkasachische Abwehrchef, von denen zuvor noch nie jemand auch nur eine Spielminute sah, in aller Munde. Die YouTube-Videos sprudeln, die User bilden sich über die nächstgelegene Prva Liga weiter und finden etwa zwölf weitere Transferkandidaten. Und natürlich hat so ziemlich jeder schon jeden Kandidaten spielen sehen bzw. ihn ohnehin schon seit Monaten verfolgt.

Folge deinem Wunschmann!

Und da sind wir schon beim Stichwort: Scouten heißt, einem Spieler über längere Zeit zu folgen. Nicht auf Statistikseiten oder über Zeitungsberichte, sondern so, dass man tatsächlich möglichst viel von ihm sieht. Dies kann seit neuestem über Analysedaten passieren, wie es Brentford und Midtjylland prägten, aber auch nach Namenszuruf über eine der führenden Softwareprodukte geschehen, die es dem Scout ermöglichen, jede einzelne Ballaktion des Spielers als Video abzurufen.

Ab ins Stadion – und nicht nur einmal

Das probateste Mittel ist immer noch das „Old School Scouting“: Ab ins Auto, einmal quer durchs Land oder gar den Kontinent düsen und auch beim miserabelsten aller Ligaspiele auf der Tribüne sitzen. Das alles für einen bestimmten Spieler, dem man eben folgt. Nicht nur ein- oder zweimal pro Jahr, sondern so lange bis man zu einem repräsentativen Urteil zu kommen glaubt. Um ein klares Urteil, eine verlässliche Einschätzung über einen einzelnen Spieler zu bekommen, wird ihm sieben-, acht- oder zwölfmal auf die Beine geschaut.

Präsent sein ist alles

Man sieht ihn in verschiedenen Spielsituationen, womöglich in unterschiedlichen Spielformen, sieht sich schon beim Aufwärmen vor dem Spiel seine Körpersprache an und kommt vorsichtig aber doch mit anderen Scouts ins Gespräch und bekommt da und dort mit, welchen Spielern die größeren Klubs auf die Beine schauen. Was für die fünf Leute des FC Liverpool, die man gerade am Halbzeitbuffet irgendwo in der Hohen Tatra kennenlernte, am Ende doch nicht gut genug ist, könnte für den eigenen, kleineren Verein ja durchaus etwas sein. Wieder ein Name, den man auf die Liste nehmen kann und dessen Performance bei jedem weiteren Besuch notiert und archiviert wird.

Hohe Streuung

Und so entwickelt sich ein Schneeballeffekt. Im Grunde sind es nicht viele einzelne Spieler, die ein professioneller Scout verfolgt. Aber immer wieder fallen neue Kicker auf, die im Hinterkopf behalten und wieder besucht werden. Wenn viele Spieler dauerhaft beobachtet werden sollen, ergibt dies natürlich eine nicht zu verachtende Streuung. Plötzlich werden 10 bis 15 Spieler intensiv beobachtet und das erfordert Personal. Selbst wenn sich ein Verein nur auf drei bis fünf benachbarte Länder konzentriert, sind mehrere fachlich gute Mitarbeiter vonnöten, um die Objekte der Begierde Woche für Woche strukturiert beobachten zu können.

Nur RB Salzburg auf gutem Level

Der einzige österreichische Verein, der sich sowohl qualitativ, als auch quantitativ bzw. in der relativen Wertschätzung der Scouting-Abteilung im Vergleich zu anderen Resorts, internationaler Klasse erfreut, ist Red Bull Salzburg. Alle anderen Klubs hinken hinterher. Entweder weil sie a) keine guten Scouts haben, b) gar keine Scouts haben und/oder c) viel zu wenig Budget in die verhältnismäßig ohnehin eher günstige Kunst des Scoutings investieren.

„Es wäre mal wieder Zeit für einen Afrikaner“

Währenddessen sind Transferflops und verpasste Transfergelegenheiten ein gefundenes Fressen für die Öffentlichkeit – und da speziell für die Fans. Immer wieder werden die Hulks und Kagawas, sowie unzählige Akademieperlen aus Afrika, die sich plötzlich in Aserbaidschan, Finnland oder Polen wiederfinden, als für die heimischen Klubs mahnende und die vermeintlich besser aufgestellten ausländischen Klubs als lobende Beispiele herangezogen. „Wieso holen wir nicht mal so einen Kicker?“, heißt es dann gerne. Ganz so leicht ist es allerdings auch nicht.

Teurer Spaß, wenn mehrere Regionen abgedeckt werden sollen

In der Praxis ist Scouten das Verfolgen von einzelnen Spielern. Das Ziel ist dabei nicht nur, das eine Juwel zu finden, sondern auch Fehlgriffe zu minimieren. Das konsequente Beobachten von Spielern macht’s möglich. Nur ist das regelmäßige Beobachten des einen vielversprechenden Supertalents von Tokyo Verdy, Stade Abidjan oder Ponte Preta nicht gerade etwas, was nebenbei geschehen kann. Nur die größten Vereine der Welt oder diejenigen, die sich systematisches Scouting finanziell überproportional auf ihre Fahnen hefteten, können sich das überhaupt leisten.

„Suche“ nach dem Glücksgriff – oder Minimierung von Fehlgriffen?

Natürlich kann man die Kagawas und Hulks via Internet beobachten, auf Zurufe hören, sich Statistiken schicken lassen und – last but not least – Gesetz des Falles, dass es finanziell machbar ist, einfach mal „so einen holen“. Für ein gewisses Spektakel und Spannung ist damit sicher gesorgt, aber seriös ist eine solche Vorgehensweise ganz und gar nicht. Natürlich besteht immer die Möglichkeit, dass ein Spieler nach dem google’schen „I’m feeling lucky“-Prinzip einschlägt. Wenn dem so ist, dann fällt dies tatsächlich unter die Kategorie „glückliches Händchen“ und hat nichts mit gutem Scouting zu tun. Wer sich auf diesem Sektor dauerhaft auf sein Glück verlässt und nicht die vollständige Informationsfülle und Sichtungsmöglichkeiten ausschöpft, wird am Ende jedoch draufzahlen.

Scouting weiterentwickeln, um den Verein weiterzuentwickeln

Viele kleine Vereine, die auf Zurufe und Managerangebote angewiesen sind, haben immer wieder Glück mit unsystematischen Einkäufen. Keiner dieser kleinen Vereine wird sich aber jemals durch derartige Einkäufe zu einem markant größeren Verein entwickeln. Etwa der FC Basel und mehrere niederländische Vereine zeigen vor, wie man durch die Erhöhung des Scouting-Etats die nächsten Sprossen auf einer Entwicklungsleiter erklimmen kann, die vereinsumfassend ist.

Breit aufstellen, vorausschauend handeln

Der Schweizer Meister steht kurz davor, den direkt aus Ägypten geholten Mohamed Elneny um kolportierte zehn Millionen Euro an den FC Arsenal zu verkaufen, während man mit dem Schweden Alexander Fransson den Ersatzmann bereits vorab vom IFK Norrköping verpflichtete. In der Eredivisie finden sich verschiedene Vereine mit mehreren hauptberuflichen Scouts, die allesamt spezifische Sichtungsgebiete abdecken. Während der eine in Skandinavien sichtet, einer durch Osteuropa tingelt und wiederum ein anderer Nordafrika und den Mittelmeerraum nach ungeschliffenen Diamanten abgrast, verschlägt es den Chefscout auch schon mal zur U20-Copa nach Südamerika oder zur allgemeinen Marktsichtung nach La Manga, wo jeden Winter mehr als 100 Topklubs ihr Trainingslager abhalten.

Eine gute Scouting-Abteilung: Für niemanden unmöglich!

Das sind Zustände, die in heimischen Gefilden weitgehend nicht denkbar sind, weil das Geld fehlt bzw. schlichtweg nicht locker gemacht wird. Der Verzicht auf einen „auf Zuruf“ eingefädelten Hamsterkauf zugunsten einer professionelleren Scoutingabteilung könnte jeden österreichischen Klub auf diesem Gebiet deutlich voranbringen – auch die kleineren Bundesligisten. Gerade in Zeiten des Internets, das auch das Reisen deutlich vereinfachte, gibt es gerade jetzt junge Interessierte, die sich einer solchen Herausforderung mit Freude stellen würden.

Präsenz siegt über Vereinfachung

Das große Paradoxon der modernen Möglichkeiten: Auch wenn sämtliche Leistungsdaten auf dafür vorgesehenen Websites abgebildet werden und die besten Zusammenschnitte Woche für Woche ihre eigene Bestmarke auf YouTube überbieten, werden die Internetscouts und die „der hat mir letztes Jahr zwei Tore zu wenig geschossen“-Experten von denjenigen abgehängt werden, die tatsächlich vor Ort präsent sind und Spieler nach einem klaren System beobachten. Weiterhin sieht man im Stadion am besten.

Kein Job für Individualisten und Einzelkämpfer

Darüber hinaus ist auch beim Scouten eine gute Führung von oberster Ebene und Teambuilding wichtige Aspekte. Zwar geben Scouts grundsätzlich nur Empfehlungen ab und haben keine exekutive Macht über die Vorgehensweise eines Vereins, allerdings liegt es bei den Letztverantwortlichen diese Empfehlungen richtig abzuwiegen und sie entsprechend ernst zu nehmen, auch wenn es sich dabei oft um unpopuläre Meinungen handelt. Viele Klubs arbeiten noch immer nach dem Credo: „Es hat auch vorher schon funktioniert, als wir keine Scouting-Abteilung hatten“. Auch das Zusammenarbeiten in einem mehrköpfigen Team aus Experten, von denen naturgemäß keiner gerne Unrecht hat, ist eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, die über den Erfolg und Misserfolg einer Scouting-Abteilung entscheiden kann.

Ein neuer Spieler muss sich gut einleben

Einen weiteren interessanten Aspekt des Gesamtpakets „Scouten & Spielertransfers“ stellt das Relocating dar, das wir bereits in einer eigenen Serie erklärten. Bitte lest hier weiter:

Relocation – Fühl dich wie zu Hause (Teil 1)

Relocation – Fühl dich wie zu Hause (Teil 2)

Relocation – Fühl dich wie zu Hause (Teil 3)

Wiederum einen anders zu behandelnden Zweig stellt das Nachwuchsscouting dar, das wir in einem gesonderten Artikel genauer unter die Lupe nehmen werden.

Daniel Mandl, abseits.at

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Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

  • Peda

    Zur Frage „Suche nach dem Glücksgriff – oder Minimierung von Fehlgriffen?“ ist auch folgende Überlegung von Daniel Altman interessant:
    http://www.northyardanalytics.com/blog/2016/01/11/its-the-variance-stupid/

    Anhand der Vereinsbudgets lassen sich ja normalerweise die erwartbaren Leistungen schon halbwegs akurat vorhersagen. In Österreich ist die Hackordnung im Normalfall Salzburg – Rapid – Austria – Sturm – dann der Rest. Wenn Sturm mit seiner Rolle als Nummer 4 zufrieden ist, dann ist die Minimierung von Fehlgriffen natürlich die beste Strategie. Will man jedoch von Zeit zu Zeit auch etwas gewinnen, dann MUSS man beim Scouting mehr riskieren. Es muss den Vereinsverantwortlichen dann aber auch klar sein, dass die Varianz immer in beide Richtungen ausschlägt. Wenn dieses Risiko alen klar ist und dementsprechend einkalkuliert ist, dann kann das sehr wohl auch eine vielsversprechende Strategie sein.