Herr Ruttensteiner, danke, dass es Sie gibt! Um ein Haar hätte ich die Endrunden-Performance der ÖFB-Mannschaft unkommentiert vorbeiziehen lassen, zumal sich unser Portal eh... Kommentar: Warum nicht alles Pech sein darf
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Tormann ParadeHerr Ruttensteiner, danke, dass es Sie gibt! Um ein Haar hätte ich die Endrunden-Performance der ÖFB-Mannschaft unkommentiert vorbeiziehen lassen, zumal sich unser Portal eh schon mit einigen Artikeln zu Wort gemeldet hat. Ihre Aussage „Wir vom ÖFB haben alles richtig gemacht.“ fuhr mir aber dann doch ein wie der Wespenstich im Fuß anlässlich eines Mostheurigenbesuches im letzten Sommer. Grauenhaft: Erst ein plötzlicher, brennender, dann ein hitzender Schmerz, der wellenartig meinen Hüfling durchströmte und mich ob der selten erlebten Wallung zum Kichern brachte. Drei Tage lang war mein Fuß geschwollen und ich bewegte mich schuhlos von Ort zu Ort. Nicht ganz so lange habe ich über den Gehalt der Aussage des ÖFB-Sportdirektors nachgedacht. Herr Ruttensteiner ist von dieser Angabe wahrscheinlich genauso überzeugt, wie damals als er sich sicher war, dass die sorglosen Teamspieler beim Eröffnungsspiel nix anbrennen lassen würden. Umso bitterer – wie nicht rechtzeitig abgelöschter Paprika – schmeckte dann die Niederlage gegen Ungarn. Ruttensteiner sollte seine Kaffeetasse mit der in die Zukunft sieht in nächster Zeit besser wechseln.

Bösartig

Das klingt hämisch. So ist es nicht gemeint. Warum auch? Anlässlich meines letzten Kommentares wurde mehrmals gefragt, wen es denn interessiere, dass mich das Nationalteam nicht interessiert. Ich sehe mich gezwungen darauf einzugehen: An welcher Stelle habe ich eigentlich behauptet, dass mir das Nationalteam egal sei? Sehr wohl verfolge ich die AUT-Auswahl, mein Zugang ist nur rational und lang nicht so leidenschaftlich wie sonst, wenn es um Fußball geht. Kurzum: Mein persönliches Wohlbefinden hängt einfach nicht vom (Miss)Erfolg der Rot-Weiß-Roten ab. Punkt. Dies ermöglicht es mir aber auch das Thema vorurteilsfrei und objektiv anzuschneiden, obwohl es schlichtweg unmöglich ist die richtigen – und nicht die besten – Worte zu finden, wenn man/frau das ÖFB-Team analysiert: Suderantentum oder Schönfärberei schreien die jeweiligen Lager. Deshalb hier meine Vorwarnung: Wer sich mit (meiner) Realität nicht auseinandersetzen möchte, hört an dieser Stelle besser zu lesen auf.

Der Chef hat es klargestellt: Die meisten „kleinen“ Nationen haben ein ähnliches Niveau, jeder kann jeden schlagen. Das Geheimfavoriten-Blablabla im Vorfeld hätte man sich also getrost einrexen können. Man muss aber auch bedenken, dass es schon einem einzelnen Individuum kaum möglich ist in Momenten des Triumphes einen kühlen Kopf zu bewahren. Wie sollte es folglich einem ganzen Land gelingen? Zeig mir eine Nation, die nach einer so langen Durststrecke eine derartige Europameister-honoris-causa-Blase verhindert hätte? Der ORF, s’Orferl, hat sich besonders hervorgetan diese Stimmung zu schüren: ORF-Boris durfte nach dem Island-Spiel das Abschlussfazit ziehen: „Das Team ist wieder auf dem harten Boden der Realität angelangt […] Da sind Erwartungen fern jeglicher Wirklichkeit entstanden.“ Es ist noch nicht so lange her, da machte ORF-Oliver jenes Team, das jetzt wieder am Boden (der Realität) ist zu einer der besten Mannschaften Europas, im selben Atemzug titelte eine österreichische Tageszeitung: „Eine der herausragendsten Mannschaften in Europa“. Der Lobende war niemand geringerer als Brasiliens Neymar, der nach einem erfolgreichen Testspiel für seine Mannschaft dem Gegner artig Tribut zollte. Oder was sagen Sie in fremden Ländern? Kennen Sie das Phänomen, wenn Prominente eine Auslandsreise machen und grundsätzlich gefragt werden, was sie von ihrem Gastland halten: Die Antworten rangieren anschließend zwischen „wunderschön“, „einmalig“ und „großartig“. Nein, verehrter Herr Hallervorden, das ist nicht nur im – vermeintlich eingebildeten – Österreich so. Auch eine Beyoncé erzählt, wie sehr sie sich dank ihrer kreolischen Wurzeln in Frankreich zuhause fühlt oder ein Tom Cruise schwärmt von Berlin. Kleine Komplimente erhalten die Freundschaft. Natürlich war etwas Wahres dran, doch darf man solche Kommentare nie überbewerten. In diesem Fall war es nur ein weiteres schönes Lob, dass die gutgeschmierte Patriotenkehle des Österreich-Fans wie Öl hinunterrutschte und die Illusion verstärkte, wir seien wie der Phönix aus der Asche plötzlich bereit es mit jedem aufzunehmen.

Nüchtern betrachtet sah es bis zum 14.6.2016 so aus: Trotz beeindruckender Dominanz in der Vorrunde tätigte Österreich mit der erfolgreichen Quali den ersten Schritt, den Länder, wie die Schweiz, Belgien, Bosnien, schon lange vor uns gegangen sind. Die offizielle Vorgabe des ÖFB hat mit der Allgemeinmeinung wenig zu tun, sondern besteht ausschließlich darin, dass Qualifikationen für Großturnier mittelfristig die Regel und nicht die Ausnahme sein sollen. Rekapitulierend weckte die Koller-Elf große Hoffnungen indem sie sowohl gegen vermeintliche Underdogs als auch gegen große Fußballnationen spielerisch probate Mittel fand. Schlussendlich erwartete sich jeder – ich ebenso – das Überstehen der Gruppenphase. Selbstbewusst in Frankreich aufzukreuzen war also die einzig logische Konsequenz.

Die Impressionen aus Mallemort verrieten gute Laune. Anlässlich der Pressekonferenzen wurde Schmäh geführt wie im Simpl, dabei musste Verband, Mannschaft, Presse, Fans doch bekannt sein, dass die Balance zwischen Euphorie und Realitätsnähe noch nie eine österreichische Stärke war. In personam sieht man das vor allem an Marko Arnautovic: Der Wiener kam 2010 mit großen Vorschusslorbeeren nach Bremen, für die er am Platz selten eine Rechtfertigung ablieferte. Bei Stoke und im Nationalteam zeigte er erst ein anderes Gesicht, als ihn viele schon abgeschrieben hatten. Auch David Alaba kann sich richtig reinhauen, wenn er weiß, dass es sein muss: Machte der Bayern-Legionär 2012 schließlich aus dem CL-Halbfinale sein persönliches Finale als er wegen einer gelben Karte bereits früh wusste, dass er im Endspiel gesperrt sein würde.  In der launigen EM-Vorbereitung agierten die Österreicher aber eher wie ein siegesgewisser Favorit, als wie ein Team, das sich erstmals qualifiziert hatte. Die böse Überraschung folgte dann, als die Ungarn nicht nur rackerten und bissen, sondern auch äußerst offensiv zu Werke gingen. Im ersten Spiel wurde den Österreichern die Schneid abgekauft, die sie erst in der letzten Halbzeit des Turniers einigermaßen zurückeroberten.

Sinn und Zweck

Klarerweise sind drei Spiele keine aussagekräftige Auswahl, dennoch ist Erfolg im Spitzensport der einzige Maßstab, der von Bedeutung ist. Ruttensteiner sieht „viel Positives im Turnier“. Ich sehe viel Negatives. Negativ vor allem in der Form von schuldlosem Unglück, das auf unsere Buam herunterprasselte: Tagesverfassung, Unform von Stammkräften, alte und neue Verletzungen. Pingelige sprechen auch noch von ungünstigem Spielverlauf und hartem Platzverweis. Tja, wir wären nicht die erste Mannschaft, die bei einer Endrunde nicht vom Glück geküsst wird. Einer muss eben das Bummerl haben. Das gewisse Quäntchen braucht jede Mannschaft. Eine Mannschaft, die weit kommen will, muss aber mit Steinen, die ihr in den Weg gelegt werden, umgehen können.

Wer sich nur auf die Stange, den bösen Schiri, formschwache Schlüsselspieler, seltsame Systemumstellung, Selbstzweifel ausredet, manövriert sich in die sprichwörtliche S-Klasse des Selbstmitleids. Für die Zukunft und für die Entwicklung hilft das keinen Deut, ebenso wenig wie Willi Ruttensteiners makellose Verbandsperfektion. Wer macht schon alles richtig? War es eine gute Idee den ÖFB-Empfang nach dem Portugalspiel anzusetzen? Natürlich wurde das Islandspiel nicht alleine aus diesem Grund in den Sand gesetzt, aber professionelle Handhabe sieht anders aus. Die Botschaft passt nicht zu einem körperlich und geistig anstrengenden Wettkampf. Wie der Herr, so des Gscherr. Und wenn der Herr meint, dass man nur Pech gehabt hat, läuft man Gefahr, dass sich alle Beteiligten ganz in die Hände des Schicksals begeben, in denen man nur zum Teil gefangen ist. Frei nach dem Motto: „Wenn der Hergott net will, nützt des goar nix…“.  Von Seiten des ÖFB gab es übrigens auf Anfrage keine Stellungnahme zu besagtem Empfang.

Sinnvoll war diese grässliche Endrunde nur dann, wenn man allen verständlichen Frust über das unkontrollierbare Unglück nicht mit einem kuscheligen „Wir-haben-halt-Pech-g’habt“ zudeckt. Selbst die Orferl-Experten sprachen aus, dass der ein oder andere – um es mit Marcel-Koller-Idiom zu sagen – wohl nicht mit voller Konzentration bei der Sache war. Wenn sich jetzt wieder in den Köpfen festsetzt, dass man nur unverschuldet zum Handkuss kam, waren diese drei Spiele wirklich sinnlos. Alles kaputtreden darf man natürlich nicht, sagt ORF-Boris. Recht hat er. Die nächste Qualifikation sollte nicht als Hürde und Prüfung gleichzeitig betrachtet werden, sondern als Hürde, deren Prüfung danach kommt. Nur so wird man langfristig Erfolg haben und langfristig Erfolg haben heißt für den ÖFB die stetige Qualifikation für Endrunden.

Marie Samstag, abseits.at

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Marie Samstag