Uns erreichte ein Leserbrief eines Fußballfans aus Deutschland, der sich gerne das Freundschaftsspiel zwischen Italien und Deutschland mit seiner italienischen Freundin im Stadion angesehen... Kommentar: Wo es dem DFB am Integrationsgedanken zu mangeln scheint
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DFB Logo_abseits.atUns erreichte ein Leserbrief eines Fußballfans aus Deutschland, der sich gerne das Freundschaftsspiel zwischen Italien und Deutschland mit seiner italienischen Freundin im Stadion angesehen hätte. Dies erwies sich jedoch als ein Ding der Unmögllichkeit. Lukas schrieb einen offenen Brief an den DFB und bat uns, seine Gedanken auf unserer Plattform ebenfalls zu veröffentlichen. Dem gehen wir natürlich gerne nach:

An den DFB und an denjenigen, der es lesen mag,

Mein Name ist Lukas. Ich bin ein 22 Jahre junger, deutscher Student. Meine Freundin Alessandra ist Italienerin. Wir beide studieren in den Niederlanden und haben uns in Spanien kennen gelernt. Sie spricht Italienisch, Englisch, Spanisch, studiert Chinesisch und lernt gerade Deutsch. Auch ich spreche neben Deutsch auch Englisch und Spanisch und zudem ein klein wenig Niederländisch. Man könnte uns beide als ein sehr multieuropäisches Paar bezeichnen, als eines, das in nationalistischer und protektionistischer Stimmung eng beisammensteht und die Vielfalt und Freiheit in der EU genießt. Wie sie für Italien, stehe auch ich mit vollem Herzen hinter meinem Herkunftsland und wofür es in der Welt steht und weiß doch, dass die europäische Integration insbesondere unter jungen Leuten eines der höchsten Güter ist, die unserer Generation zuteilwird.

Vor einigen Monaten hatte ich herausgefunden, dass ein Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Italien am 15. November diesen Jahres stattfinden wird. Natürlich habe ich mich riesig gefreut, denn genauso wie ich als kleiner Junge für Werder Bremen, hat Alessandra sich für den AS Rom begeistert und die Spiele verfolgt. Es war, seitdem wir ein Paar sind, mein Traum, mit ihr einmal ein solches Länderspiel, ein solches Fußball Fest zu erleben.

Natürlich habe ich sofort versucht, auf der Website des DFB zwei Tickets für dieses Spiel zu bekommen. Allerdings wurden sie dort nicht verkauft. Auf schriftliche Nachfrage hieß es, dass diese nur über den Fan Club Nationalmannschaft powered by Coca-Cola angeboten werden und dass, selbst wenn man Mitglied des Fan Clubs ist, die folgende Regel gilt: One Fan – One Ticket!

Ich brauchte aber zwei, und sich anzumelden und eines zu kaufen, in der Hoffnung, ich würde irgendwie an ein weiteres Ticket kommen, das zufällig der Sitz neben mir wäre, schien mir nahezu unmöglich. Also entschied ich mich, beim italienischen Verband nachzusehen. Dort wurden Tickets für 13.50 Euro angeboten, die ich allerdings nicht kaufen konnte, weil ich Deutscher bin.

Nun gut, dann zahle ich halt mehr. Es ist mein Traum und ich will, dass es klappt.

Die gleichen Sitze, die ich auf deren Website gesehen habe, verkaufen sich auf einem anderem Ticket Portal für 113,20 Euro. Okay, das ist teuer, ich bin Student und kann es mir eigentlich nicht leisten, aber ich kaufe es trotzdem, eben, weil mir dieses Event so wahnsinnig wichtig ist. Der Kauf klappt reibunglos.

Zudem buche ich die Flüge und eine Unterkunft in Mailand, suche ein Italien Trikot für meine Freundin aus und kaufe auch das.

Heute, 10 Tage vorher, kriege ich eine mail vom Ticketportal. Meine Tickets sind unbrauchbar, da ich Deutscher bin und deswegen nicht ins Stadion komme, es sei denn ich habe zufällig auch Tickets beim Deutschen Fan Club direkt gekauft. Rückerstattung ist nicht möglich.

Nun gut, meine Tickets sind wertlos, ebenso wie meine Flüge und die Unterkunft. Mehr als 400 Euro in den Sand gesetzt. Ein Verlust, der sehr schmerzt, aber mich nicht so tieftraurig stimmt wie die Tatsache, dass es für ein deutsch-italienisches Paar offenbar unmöglich ist, an einem FREUNDSCHAFTSSPIEL zwischen beiden Ländern gemeinsam teilzunehmen.

Es kann etwas nicht stimmen, wenn eine deutsche Sportorganisation, die gemeinhin für Vielfalt und Multikulti steht, wie fast keine andere es (aus höchstwahrscheinlich ökonomischen Gründen) unmöglich macht, zusammen zu feiern. Wo bleibt die völkerverbindende Kraft des Fußballspielens? Das, was doch so gerne in den Medien zelebriert wird und das, wovon ich bislang glaubte, es treibe auch die Fußball-Schaffenden an?

So etwas hätte ich nicht für möglich gehalten, insbesondere, wenn man bedenkt, dass ich vor nicht mal einem Jahr, während meines Auslandsemesters in Chile, gesehen habe, wie Chilenen und Kolumbianer in der Qualifikation gemeinsam, Seite an Seite, im gleichen Block friedlich miteinander ein Fußball Fest unter Gleichen zelebriert haben. Dort ist keiner aufgrund seiner Herkunft nicht willkommen gewesen.

Es ist diese Ironie, dass gerade der DFB, ein Vertreter Deutschlands in der Welt, Werte und Menschen zu ignorieren scheint, die in anderen Ländern selbstverständlich sind.

Ich bin ehrlich verzweifelt, denn es scheint keine Lösung zu geben und auch wenn ich nur einer von vielen für Sie bin, so bleibt das Gefühl der Ungleichbehandlung nicht nur bei mir bestehen. Auch meine Familie und Freunde können es nicht fassen, aber es scheint so, als müsste ich mein Boateng Trikot zu Hause lassen.

Ich weiß nicht, wo und ob ich mir das Spiel anschauen werde. Alles was ich weiß ist, dass ich am Eingang nicht deshalb abgelehnt werde, weil mein Ticket ungültig wäre oder weil ich nicht bezahlt hätte, betrunken oder gewaltbereit bin, sondern weil ich Deutscher bin.

Gerne lass ich mich eines Besseren belehren, gerne würde ich sehen, dass ich falsch liege… Doch was kann ein Fan schon ausrichten.

Mit kulturellen Genesungswünschen an den DFB

Lukas Kreiter

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abseits.at Redaktion