Als Herbert Prohaska Mitte Zwanzig war, war es Zeit sich Gedanken über einen Wechsel ins Ausland  zu machen. Everton und Tottenham erkundigten sich nach... Anekdote zum Sonntag (72) –  Inter ante portas
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_Herbert ProhaskaAls Herbert Prohaska Mitte Zwanzig war, war es Zeit sich Gedanken über einen Wechsel ins Ausland  zu machen. Everton und Tottenham erkundigten sich nach dem gebürtigen Simmeringer, doch Herbert lehnte diese Angebote dankend ab. Die Insel reizte ihn nicht. Denn die Premier League war damals nicht, was sie heute ist und auf so viele Regentage pro Jahr hatte der im sonnigen August geborene Schneckerl wirklich keine Lust. Sporting Lissabon zeigte ebenso Interesse, doch Prohaska erklärte, dass ihn nur Barcelona oder Real von seinem Herzensverein weglocken könnten. Die Portugiesen waren zu Recht gekränkt. In Wahrheit hatte Prohaska wohl einfach Angst vor dem eigenen Mut, denn wenn es darum ging, Nägel mit Köpfen zu machen, wurde ihm bewusst, was sich alles mit einem Wechsel in die Fremde ändern würde. In den 70ern bedeutete ein Auslandsengagement noch, dass man es als einziger Legionär mit einer eingeschworenen Truppe zu tun bekam. Sprachkurse, Selbstinitiative, Anpassung waren da gefragt.

Prohaska hatte Glück: Barcelona suchte tatsächlich Ersatz für den Defensivspieler Johan Neeskens. Über Goleador Krankl und Manager Fani wurden sie vorsichtig vorstellig. Doch Prohaska musste dem Weltklub absagen: Er wollte nicht defensiv spielen und außerdem spürte er, dass er für die Katalanen nur eine Option von vielen war. Als er begriff, dass Inter Mailand und sein Stadtrivale ihn bereits mehrfach beobachtet hatten, hakte der Wiener das Thema Barcelona ab. Zehn verschiedene Persönlichkeiten aus dem blau-schwarzen Verein reisten zu Austria-Spielen um den Regisseur zu beobachten: Trainer, Manager, Nachwuchscoach – Sie alle kamen um sicherzugehen, dass der gebürtige Simmeringer der richtige Mann für ihre Mannschaft sei. Für den AC Milan reisten der technische Direktor und Manager Solti an, doch ein möglicher Wechsel löste sich bald in Rauch auf. Wegen illegaler Wettgeschäfte musste Milan gemeinsam mit Lazio zwangsabsteigen. Der Klub verlor seinen Präsidenten und konnte sich kaum mehr über Wasser halten. Es sollte mehrere Jahre dauern bis die Rossoneri diesen Keulenschlag überwunden hatten. Schließlich mischte sich auch noch Bologna kurzfristig ein: Der Klub aus der Universitätsstadt sah sich schon als glücklicher Dritter und ließ Prohaska und Fani wissen, dass sie eine Million Schilling auf jedes Angebot der Lombarden drauflegen würden. Prohaska hatte sich jedoch schon für Inter entschieden. Der Grund dafür, war ein ungewöhnliches Stelldichein nach Mitternacht.

Im April 1980 verlor Österreich gegen Deutschland in München mit 0:1. Das einzige Tor des Abends hatte Hansi Müller erzielt. Prohaska lag lange nach dem Abpfiff schlecht gelaunt in seinem bayerischen Hotelbett, als das Telefon läutete. Am Apparat war Manager Fani: „Ich bin mit einer Inter-Delegation in der Lobby. Können wir kurz raufkommen?“ Prohaska warf sich rasch in den offiziellen ÖFB-Präsentationsanzug. Zum Glück war seine Suite halbwegs aufgeräumt, denn als er die Türe öffnete, traten fünf elegant gekleidete Herrn ein. Inter-Legende Sandro Mazzola, dessen Vater beim Flugzeugabsturz von Superga mit einem Großteil der Mannschaft des AC Turin ums Leben gekommen war, führte die kleine Gruppe an. Der Europameister und Vize-Weltmeister flößte Prohaska einen Heidenrespekt ein. Der Italiener trug einen ultramodernen Ledermantel, wie er nur am Stiefel entworfen sein konnte, in seinem Mundwinkel steckte ein Zwölf-Zentimeter-Zigarillo. Prohaska wurde bei dem Anblick Mazzolas wieder zum Berti aus der Hasenleiten. Inters Trainer, der Direktor und die Vorstandsmitglieder waren staatsmännisch gekleidet und sahen aus als kämen sie gerade vom G-8-Gipfel. Nach einer kurzen Begrüßung kramte Trainer Bersellini einen Zettel hervor: „Kannst du diese Position spielen?“, fragte er auf Italienisch. Skender Fani übersetzte. Prohaskas Herz machte einen Sprung: „Und ob!“ Schon bei Ostbahn XI war er auf dieser Position eingesetzt worden. Er wusste nun, wo er unterschreiben wollte. Und mit dieser Unterschrift machte sich der Berti aus der Hasenleiten zum ersten Italien-Legionär seit ewigen Zeiten.

Marie Samstag, abseits.at

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Marie Samstag