Wie gewohnt bietet abseits.at eine umfangreich Teaminfo zum kommenden Europa-League-Gegner des SK Rapid. In diesem Artikel werfen wir einen detaillierten Blick auf die Mannschaft... Gute Einzelspieler, schlechtes Gesamtsystem: Das ist die Mannschaft des Valencia CF
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Spanien Flagge_abseits.atWie gewohnt bietet abseits.at eine umfangreich Teaminfo zum kommenden Europa-League-Gegner des SK Rapid. In diesem Artikel werfen wir einen detaillierten Blick auf die Mannschaft von Valencia. Obwohl die Spanier über einige sehr interessante und gute Akteure verfügen, hakt es an ihrem Zusammenwirken.

Durchaus souverän holte sich Valencia letzte Saison den vierten Platz und qualifizierte sich im Sommer für die Champions-League-Gruppenphase. Dort scheiterte man jedoch in einer vergleichsweise einfachen Gruppe mit Zenit, Gent und Lyon. Das und schlechte Ergebnisse in der Liga veranlassten den damaligen Trainer Nuno Espirito Santo dazu, das Handtuch zu werfen. Unter seinem Nachfolger wurde es jedoch bis jetzt nicht besser.

Vom Analyse- auf den Trainerstuhl

Überraschenderweise stellten die Valencia-Verantwortlichen Gary Neville als neuen Trainer vor. Der 40-Jährige ist freilich kein Unbekannter im Fußball-Business, gehörte er doch zur sogenannten „Class of ’92“ von Manchester United, die unter der Leitung von Sir Alex Ferguson etliche Titel sammelte. Als Trainer war Neville jedoch ein unbeschriebenes Blatt. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere machte er sich vielmehr mit seinen Auftritten als Experte beim englischen Pay-TV-Sender „Sky Sports“ einen Namen.

Seine Analysen waren vor allem deshalb beliebt, weil er sie äußerst verständlich und pragmatisch formulierte. Er kratzte nicht nur an der Oberfläche, ging aber nicht zu tief ins Detail und verwendete keine hipen Ausdrücke. Er fokussierte sich allerdings hauptsächlich auf individualtaktische Aspekte, was zu der einen oder anderen Missinterpretation führte. Ähnliche Probleme findet man auch, wenn man die Spielweise von Valencia genauer betrachtet.

Schlechte Strukturen für Folgeaktionen

Unter dem Engländer war der spanische Traditionsklub bis zum vergangenen Wochenende in der spanischen Liga nicht nur ohne Sieg (fünf Remis, vier Niederlagen), sondern man führte in den neun Partien davor kein einziges Mal. Auch beim Sieg gegen Espanyol am letzten Spieltag lag man zunächst 0:1 hinten, ehe man eine Viertelstunde vor Schluss das 2:1 erzielte. Dabei hatte man in keinem Spiel weniger Ballbesitz als der jeweilige Gegner, aber nur in zwei Fällen konnte man mehr Schüsse auf das Tor verzeichnen.

Zwei weitere Fakt, die zeigen, wo das Hauptproblem der Neville-Elf liegt: im Schnitt befindet sich der Ball 30% der Spielzeit im eigenen Spielfelddrittel (höchster Wert der Liga) und nur 25% (viertniedrigster Wert der Liga) im gegnerischen. Besonders beim Übergang ins Angriffsdrittel gibt es also viel Luft nach oben. Dabei wird häufig auf die Flügel gespielt. Dort können die Spieler schon naturgemäß leicht isoliert werden, bei Valencia scheint das aber noch einfacher zu sein. Ihre Staffelung ist äußerst schlecht dafür geeignet, sich effizient zu befreien. Ein Beispiel dafür sieht man in diesem Bild.

Der offensiven Mittelfeldspieler bietet sich zwar im freien Raum an, es fehlen aber die Optionen, um anschließend daran gefährlich zu werden. Er selbst kann durch die drei Gegenspieler hinter ihm unter Druck gesetzt werden und die beiden Spieler auf der rechten Außenbahn könnten direkt attackiert werden. Der Grund für diese drei-gegen-fünf-Unterzahl liegt in der tiefen Positionen der beiden defensiven Mittelfeldspieler. So haben sie zwar eine gute Ausgangsposition um Konter abzufangen und den Rhythmus zu bestimmen, der gegnerische Abwehrblock wird aber zu wenig penetriert.

Drei gleichwertige Torhüter

Personell sind ist Valencia besser aufgestellt als es der aktuelle Tabellenplatz vermuten lässt. Im Tor hat man drei in etwa gleich gute Akteure, die heuer allesamt schon zum Einsatz gekommen sind. Als nominelle Nummer eins ging Sommerneuzugang Matthew Ryan in die Saison. Den 23-jährigen Australier, der insbesondere auf der Linie sehr stark ist, aber beim Mitspielen Probleme hat, haben wir bereits im Sommer unter die Lupe genommen.

Nach dessen Verletzung konnte sich Jaume Domenech mit guten Leistungen beweisen. Der Spanier wurde aber nach ausbleibenden Erfolgen von Neville in der Hierarchie wieder zurückgereiht. Im letzten Spiel gegen Espanyol war er nicht mehr im Kader. Zwischen dem Pfosten stand aber nicht Ryan, sondern Diego Alves. Der Brasilianer war in den letzten drei Saisonen Stammkeeper, riss sich dann aber das Kreuzband.

Ein Weltmeister als Abwehrchef

Das Innenverteidigerpaar bilden im Allgemeinen Aymen Abdennour und Shkodran Mustafi. Gerade der deutsche Weltmeister ist ein überaus interessanter Abwehrspieler, dessen Eigenschaften wir vor einiger Zeit unter die Lupe genommen haben. Der 23-Jährige ist sehr stark im Aufrücken mit dem Ball, vergleichsweise schnell und verfügt über ein sehr gutes Stellungsspiel. Nur zwei Spieler fingen in der bisherigen Ligasaison pro Spiel im Schnitt mehr Pässe ab als der neunfache Internationale. Was dem SK Rapid allerdings entgegenkommen wird, ist dass Mustafi im Hinspiel wegen seiner dritten gelben Karte gesperrt ist.

Abdennour ist ein eher klassischer Innenverteidiger, der im Sommer für über 20 Millionen Euro aus Monaco kam. Richtig überzeugen konnte der Tunesier bisher aber nicht. In einigen Szene agiert er strategisch unkluh, wodurch sich Räume für den Gegner öffnen. Die anderen beiden Innenverteidiger, Ruben Vezo und Aderlan Santos, sind ähnliche Spielertypen, kommen zu regelmäßigen Einsätzen, können Mustafi aber ebenfalls nicht das Wasser reichen. Da dieser gesperrt und Abdennour verletzt ist dürften sie aber zumindest im Hinspiel gemeinsam am Rasen stehen.

Zu wichtige Rolle für dynamische Außenverteidiger?

Eine flache Hierarchie gibt es auch auf den Außenverteidigerpositionen. Links hat Valencia mit Jose Luis Gaya einerseits einen sehr talentierten Spanier, der aufgrund seiner starken letzten Saison verstärkt mit einem Transfer zu einem Großklub in Verbindung gebracht wurde. Der technisch starke und dynamische 20-Jährige durchläuft in der aktuellen Saison jedoch ein Tief. In den letzten beiden Spielen stand Backup Guilherme Siqueira in der Startelf. Dieser ist körperlich etwas robuster, drängt aber ebenfalls mit Tempo nach vorne. Auf der rechten Seite gibt es mit dem portugiesischen Nachwuchsteamspieler Joao Cancelo und Antonio Barragan ein ähnliches Duo.

Die Rolle der Außenverteidiger ist im System von Neville eine durchaus wichtige. Dadurch, dass im zweiten Drittel oft auf die Seiten gespielt wird, kommen sie oft in die Situation, dass sie das Spiel beschleunigen müssen. Durch ihre ähnlichen Anlagen eignen sie sich auch sehr gut dafür. Gerade Gaya und Cancelo können mit ihren Diagonaldribblings oft Dynamik entwickeln. Andererseits kommen die Außenverteidiger durch das oben beschriebene Problem auch in Situationen, in denen sie auf verlorenem Posten stehen.

Der Strippenzieher im Zentrum

Im zentralen defensiven Mittelfeld findet man den wohl interessantesten Akteur im Kader: Dani Parejo. Der schlaksige 26-Jährige ist der Schlüsselspieler der Spanier – besonders im Ballbesitzspiel. Mit seinen Pässen bestimmt er den Spielrhythmus, er bewegt sich gut in die Freiräume, womit er für seine Mitspieler stets anspielbar ist und damit Drucksituationen aufgelöst werden können. Darüber hinaus ist er selbst technisch sehr stark und äußerst sehr schwer vom Ball zu trennen, behält auch gegen mehrere Gegenspieler die Übersicht. Aber auch im Defensivspiel kann Parejo mit einem guten Stellungsspiel aufwarten, trägt damit maßgeblich zur Stabilität bei. Außerdem ist er in der Lage brandgefährliche Standards zu treten.

Zu viele Indianer?

Die weiteren Mittelfeldspieler verfügen teilweise ebenfalls über ein sehr gutes Raumgefühl, sind aber nicht in der Lage, das Spiel ähnlich zu dominieren wie Parejo – schon gar nicht, wenn es festgefahren ist. Das Trio Enzo Perez, Andre Gomes und Rodrigo, das von Benfica kam, ist ein perfektes Beispiel dafür. Sie können die unterschiedlichsten Aufgaben übernehmen und Fehlverhalten ihrer Mitspieler balancieren, kommen heuer aber zusammen nur auf elf Scorerpunkte in insgesamt 68 Pflichtspielen.

Eingebunden werden die drei Akteure meist unterschiedlich. Rodrigo agiert meist als Unterstützer in der Offensive, kann auf beiden Außenbahnen und hängende Spitze eingesetzt werden. Perez, der heuer immer wieder mit kleineren Blessuren zu kämpfen hatte, wird in erster Linie im defensiven Mittelfeld als dynamischer Gegenpart zu Parejo eingesetzt. Gomes‘ Rolle ist formationsabhängig, seine Aufgabe ist im Wesentlichen aber die Verbindung des Sturms mit dem Mittelfeld.

Im defensiven Mittelfeld kamen zuletzt mit Wilfried Zahibo aus der zweiten Mannschaft und 15-Millionen-Euro-Neuzugang Danilo auch zwei Spieler zum Einsatz, die eher klassische Sechser sind.

Breites Spektrum auf den Flügeln

Auf den offensiven Außenbahnen hat Neville verschiedene Spielertypen zur Auswahl. Linksaußen dürfte Denis Cheryshev gesetzt sein. Der russische Teamspieler kam im Winter leihweise von Real Madrid und zeigte auf Anhieb, dass er eine große Hilfe sein kann. Seine Stärken liegen im technischen Bereich, jedoch ist er keiner, der zu übertriebenen Dribblings neigt. Er nutzt sie vielmehr um gemeinsam mit seiner Dynamik bei Diagonalläufen und Einrückbewegungen Zug zum Tor zu entwickeln. Darüber hinaus ist er ein guter Zweikämpfer, der auch nach hinten arbeitet.

Hinter dem 25-Jährigen lauern mit Pablo Piatti und Zakaria Bakkali zwei dribbelstarke Spieler, deren Tor- und Assistausbeute jedoch zu wünschen übrig lässt.

Rechts hat man in Santi Mina einen antrittsschnellen, eher klassisch veranlagten, aber sehr instinktiv agierenden Flügelspieler. Das 20-jährige Talent hat nach seinem Wechsel von Celta Vigo – zehn Millionen Euro zahlte Valencia – allerdings noch Probleme damit, seine Leistungen konstant abzurufen. Nach sieben Tore und drei Vorlagen in der letzten Saison hält er aktuell bei einem Tor und zwei Assists in 16 Ligaspielen.

Die Alternative zu Mina ist mit Sofiane Feghouli ein erfahrener algerischer Nationalspieler. Der 26-Jährige ist bereits seit 2011 beim Verein und vor allem für seine harte Arbeit bekannt. Spektakuläre Dribblings oder Pässe sieht man vom ihm selten. Er beschränkt sich auf das Wesentliche und versucht die Dinge so simpel wie möglich zu halten. Sein Bewegungsspiel ist dennoch sehr flexibel und sollte genauso wie sein Raumgespür nicht unterschätzt.

Zwei Stürmer mit ähnlichem Schwerpunkt

Die Visitenkarte der beiden Stürmer der Che kann sich sehen lassen. Der 30-jährige Alvaro Negredo absolvierte nicht nur 21 Spiele für die spanische Nationalmannschaft, mit der er 2012 Europameister wurde, sondern holte mit Manchester City auch den englischen Meistertitel. Negredo ist ein äußerst bulliger Stürmer, der besonders durchschlagskräftig und in der Gefahrenzone schwer zu bändigen ist. Andererseits scheint er bereits über seinem Zenit zu sein, konnte seit der Saison 2012/2013 kein zweistelliges Torkonto aufweisen – damals noch bei Sevilla.

Bei Valencia ist allerdings nicht er die Nummer eins im Sturmzentrum, sondern Paco Alcacer, der mit 22 Jahren bereits Kapitän des Teams ist. Wie Negredo hat er seinen Schwerpunkt im Allgemeinen im Sturmzentrum, ist aber beweglicher und kaltschnäuziger. Während sich seine Ausbeute für „La Roja“ mit sechs Toren in elf Spiel sehen lassen kann, hält er national nach 20 Ligaspielen bei neun Toren. Dass er damit dennoch mit Abstand bester Torjäger ist, ist ein weiteres Indiz dafür, dass Valencia offensiv Aufholbedarf hat.

Alexander Semeliker, abseits.at

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Alexander Semeliker

@axlsem