Mit dem Sieg im Clásico ist Zinedine Zidane der erste Real-Trainer seit Bernd Schuster, der sein erstes Aufeinandertreffen mit dem FC Barcelona nicht verlor.... Tiefe und passive Spielweise mit Konterfokus führt zu Sieg: Real Madrid entscheidet Clásico für sich
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Zinedine Zidane - FrankreichMit dem Sieg im Clásico ist Zinedine Zidane der erste Real-Trainer seit Bernd Schuster, der sein erstes Aufeinandertreffen mit dem FC Barcelona nicht verlor. Im prestigereichen Duell konnte sich Real aufgrund einer taktischen Umstellung als Sieger durchsetzen.

Reals Umschwung von Ballbesitz auf Konter

Real agierte im Pressing im unter Zidane mittlerweile angestammten 4-3-3 (ab Mitte der ersten Halbzeit jedoch eher im 4-5-1) und stand dabei zwangsläufig aufgrund der katalanischen Dominanz recht tief. Um den Zugriff auf die Katalanen zu ermöglichen versuchte man es vor allem im Mittelfeld, vereinzelt jedoch auch in der letzten Linie, immer wieder mit Mannorientierungen. Dabei verfolgten die Madrilenen ihre Gegner immer wieder mehrere Meter um einen Pass zu verhindern. Das Problem bei Mannorientierungen ist, dass diese schwierig zu balancieren sind, vor allem wenn man selten übergibt, so wie dies Real tat. Wenn der Gegenspieler verfolgt wird tun sich automatisch Räume auf, die bespielt werden können. Dies beherrschen die Spieler des FC Barcelona auf hohem Niveau, weswegen Real vor allem zu Beginn immer wieder Zugriffsprobleme hatte und zu Fouls greifen musste.

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Kroos rückt aus dem Verbund aus, um Busquets unter Druck zu setzen

Unterstützend im Attackieren handelten immer wieder die Außenverteidiger, die situativ weit vorschoben und mit dem Flügelstürmer doppelten. Die Madrilenen hatten jedoch Schwierigkeiten die Positionstäusche der Gastgeber in den Griff zu bekommen, vor allem das Zurückfallen Messis ins Mittelfeld ermöglichte im ersten Durchgang Überladungen in der Mitte und eine deutliche Dominanz. Durch die guten Freilaufbewegungen von Neymar und Suarez, die sich mit Läufen gegenseitig auch immer wieder Raum verschafften, kam man zu einigen guten Chancen. Auffällig waren vor allem Neymars diagonale Läufe in die Mitte, die entweder Pässe auf den am Flügel dann freien Iniesta oder den gegenbewegenden Suarez möglich machten. Aufgrund dieser Probleme zog sich Real naturgemäß etwas zurück und konzentrierte sich primär auf die eigene Kompaktheit. Im Konflikt dazu stand jedoch Reals Staffelung im Aufbau, die prinzipiell sehr breit und tief ausgelegt war. Genauer gesagt oft zu breit und zu tief. So sind die Abstände zu Anfang des Aufbaus aufgrund der sich im Weg stehenden Rollen von Modric und Kroos oft zu kurz und die Staffelungen flach, und dann zwischen Mittelfeld und Sturm zu weit auseinander, was zu einigen gefährlichen Ballverlusten führte, die aufgrund der weiten Abstände nicht genügend abgesichert waren und es kaum Zugriff im Gegenpressing gab. Man sieht: im Fußball hängt alles zusammen, Defensive ist von Offensive nicht zu trennen. Dass Barcelona oft mit den drei Stürmern zockend auf Konter verharrte erschwerte das Ganze natürlich.

Die Madrilenen versuchen unter Zidane den Prinzipien des Positionsspiels zu folgen und wollen nun mehr über den Ballbesitz, beziehungsweise das geduldige Suchen und Finden von Lücken, ihre Torchancen erspielen. Dies gelang jedoch gegen Barcelona aufgrund der vorherigen genannten Gründe kaum, Mitte der ersten Halbzeit ließ man jedoch anklingen, was das Mittel sein könnte: Durch die grundsätzliche tiefe Position im Pressing haben Bale und Ronaldo nach Ballverlust viel Raum vor sich. Für viele Spieler ist dies eher ein Nachteil, für die beiden aber ein großer Vorteil. Sie können ihre hohe Endgeschwindigkeit, sowie ihre klugen Laufwege in die Tiefe so deutlich besser nutzen, schnelle Konter nach Ballgewinn führten zu zwei guten Schusssituationen für die Gäste. Den deutlichen Umschaltfokus konnte man jedoch noch nicht in Tore ummünzen, die tiefere Position im 4-1-4-1 war nun jedoch etwas stabiler, wenngleich Barcelona weiterhin gefährlich werden konnte.

Real offenbart Barcas schwache Flankenverteidigung

In Halbzeit zwei konnte Real wenige Minuten nach Piqués Führungstor ausgleichen: In einem Konter erzielte Benzema nach starkem diagonalen Dribbling Marcelos und Kroos‘ Auflage per Fallrückzieher das 1:1. Das „weiße Ballett“ hatte sich bis dahin in einem tiefen Mittelfeldpressing aufgestellt und verdichtete das Zentrum, um Pässe in den Zwischenlinienraum zu erschweren, was auch gut gelang. Es gab aber immer wieder Situationen, in denen Real sich nach vorne locken ließ, wo sich dann wieder einfach zu bespielbare Räume offenbarten. Dies geschah jedoch nur zu Beginn der zweiten Halbzeit, Real agierte dann deutlich klüger und auch flexibler im Pressing, verteidigte situativ auch im 4-4-2 und schaffte es stets die Katalanen auf die Flügel zu zwingen. Bei den eigenen Kontern blieb man stets mit einigen Leuten hinten, um nach einem Ballverlust wieder bereit zu sein die Umschaltsituationen des FC Barcelona zu verarbeiten. Im kontinuierlichen Aufbau kam man nur selten nach vorne, einmal schaffte man dies jedoch recht geschickt, als Kroos mit einer Mitnahme das gesamte Mittelfeld der Gastgeber ausspielte, die anschließende Flanke von Ronaldo verwertete Bale per Kopf. Dieses Tor wurde jedoch zu Unrecht wegen angeblichem Foul von Bale aberkannt. Reals Konter wurden nun immer gefährlicher, Barcelona hatte deutlich an vertikaler Kompaktheit verloren, was den physisch starken Stürmern der Gäste entgegen kam. Immer wieder kam man mit Sprints hinter die Abwehr der Blaugrana. Über die Halbräume wurden Durchbrüche generiert und danach Flanken auf die zweite Stange gesucht. Auf diese Art und Weise fiel auch das 2:1 für Real, nachdem Ronaldo eine Flanke von Bale verwertete. Aufgrund von Ramos‘ Gelb-Roter Karte igelte man sich natürlich primär ein und verteidigte den Vorsprung, letzendlich auch erfolgreich.

Fazit

Zu Beginn schien es, als wollte Real das Duell um die Dominanz des Spiels aufnehmen, was recht schnell hätte schief gehen können. Mit etwas Glück und einer Anpassung auf eine tiefere und passivere Spielweise mit Konterfokus konnte man die an diesem Tag schwachen Katalanen bezwingen. Barcelona hatte vor allem in Halbzeit zwei nicht nur Durchbruchsprobleme, sondern auch große Schwierigkeiten damit, Reals Konter in Zaum zu halten. Unpassende Staffelungen schafften schlechten Zugriff im Gegenpresing, was die wendigen und ballsicheren Kroos und Modric immer wieder ausnutzen konnten.

David Goigitzer, abseits.at

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David Goigitzer