In dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien,... Der verlorene Weltklassespieler (26) – Nikola Kotkow
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_Flagge BulgarienIn dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien, Verletzungen oder einfach die Umstände ihrer Karriere: zur falschen Zeit am falschen Ort kann manchmal schmerzhaft wahr sein.

Wir lassen die Karrieren dieser Akteure Revue passieren, spekulieren über die mögliche Auswirkung ihres fehlenden Durchbruchs in der Geschichte des Fußballs und ein kleines „was wäre, wenn…?“ darf natürlich auch nicht fehlen. Immerhin besitzt für solche Spieler nahezu jeder Fußballfan noch eine schöne Erinnerung und jene fragende Wehmut, welche Erinnerungen man nicht alles verpasst hat.

In diesem Teil widmen wir uns …

Nikola Kotkow

In den 1960er Jahren war der bulgarische Fußball mit einer Vielzahl von talentierten Spielern gesegnet, wodurch es der Nationalmannschaft gelang, sich 1962 erstmals für eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Der absolute Star der Nationalmannschaft, die auch 1966 und 1970 an der WM teilnahm, war ihr Mittelstürmer Georgi Asparuchow: dieser verfügte über eine hervorragende Technik, hatte Spielübersicht und konnte vor allem sowohl mit dem Fuß als auch mit dem Kopf Tore erzielen, weswegen er für viele Bulgaren bis heute als der beste Spieler gilt, den das Land jemals hervorgebracht hat.

Am 30. Juni 1971 kam Georgi Asparuchow tragischerweise im Alter von 28 Jahren bei einem Autounfall ums Leben. Mit ihm starb auch sein Teamkollege Nikola Kotkow, der ebenso wie Asparuchow zu den besten bulgarischen Spielern der 1960er Jahre gehörte. Anders als Asparuchow ist der Name Nikola Kotkow wohl den wenigsten Fußballfans außerhalb Bulgariens ein Begriff, weswegen dieser Artikel über ihn aufklären und an ihn erinnern soll.

Erste Karrierejahre

Nikola Kotkow wurde am 9. Dezember 1938 in Sofia geboren und schloss sich bereits als Jugendlicher Lokomotive Sofia an, wo er den Großteil seiner Fußballerkarriere verbringen sollte. 1956 debütierte er mit 17 Jahren in der ersten Mannschaft von Lokomotive und kam im selben Jahr auch erstmals für die U-19 Nationalmannschaft seines Landes zum Einsatz.

Zu dieser Zeit dominierte jedoch ZSKA Sofia den bulgarischen Fußball und gewann zwischen 1954 und 1962 neun Meisterschaften in Folge, während sich Lokomotive Sofia zumeist auf Plätzen im oberen Mittelfeld der Tabelle wiederfand.

Meistertitel mit Lokomotive

Erst mit dem Auseinanderbrechen der goldenen ZSKA-Mannschaft sollte sich die Situation im bulgarischen Fußball ändern: nachdem 1963 überraschend Spartak Plowdiw Meister geworden war, konnte Lokomotive Sofia 1964 den Meistertiel gewinnen. Nikola Kotkow hatte sich inzwischen zum Dreh- und Angelpunkt der Mannschaft entwickelt und war mit 14 Saisontoren gemeinsam mit Spiro Debarski bester Torschütze seiner Mannschaft. Am Ende der Saison konnte er daher nicht nur den Meistertitel feiern, sondern wurde auch noch als bulgarischer Fußballer des Jahres ausgezeichnet.

Spielweise und Position

Ein großer Vorteil von Nikola Kotkow war, dass er im offensiven Bereich flexibel einsetzbar war: da er schnell war und noch dazu gut dribbeln konnte, konnte er problemlos als Flügelstürmer spielen, wobei seine Stammposition jedoch die des Halbstürmers bzw. des zentralen offensiven Mittelfeldspielers war. Auf dieser Position kamen Kotkows Stärken am besten zur Geltung: seine hervorragende Technik, seine exzellente Spielübersicht und noch dazu seine Passgenauigkeit über kurze und lange Distanzen. Kotkow war jedoch nicht nur ein exzellenter Vorbereiter, sondern dank seines starken linken Fußes auch selbst extrem torgefährlich. Er konnte aus dem Spiel heraus treffen und war außerdem ein absoluter Standardspezialist: er war ein sichererer Elfmeterschütze, erzielte zahlreiche Freistoßtore und konnte im Laufe seiner Karriere sogar einige Ecken direkt verwandeln.

Unglückliche Nationalmannschaftskarriere

Während der gesamten 1960er-Jahre gehörte Nikola Kotkow, der 1961 erstmals in der
A-Nationalmannschaft gespielt hatte, zum regulären Kader der Nationalmannschaft. Dort konnte er sich allerdings keinen Stammplatz erkämpfen, was vor allem daran lag, dass mit Dimitar Jakimow ein weiterer Ausnahmespieler auf Kotkows Position in der Zentrale gesetzt war. Kotkow spielte daher oft auf den Flügeln, wo er allerdings mit vier Treffern zur Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1966 beitrug.
In diesem Turnier war Kotkow jedoch erneut nur Ersatz und kam nur im Spiel gegen Ungarn zum Einsatz, als Bulgarien trotz einer 1:0 Führung (das Tor erzielte Asparuchow) am Ende noch mit 1:3 verlor.

Das Jahr 1969 markierte das Ende von Kotkows Nationalmannschaftskarriere, die man trotz seiner starken Bilanz von 12 Toren in 26 Spielen dennoch als unglücklich bezeichnen kann: in der von ZSKA und Lewski dominierten Nationalmannschaft hatte Kotkow es nie geschafft, eine so prägende Rolle einzunehmen wie auf Vereinsebene.

Wechsel zu Lewski Sofia

Nachdem Lokomotiwe 1965 noch einmal Vizemeister geworden war, fanden sich Kotkow und sein Verein in den folgenden Jahren erneut im Mittelfeld der Liga wieder .

Am Ende der Saison 1968-1969, in deren Verlauf Lokomotive Sofia mit dem Stadtrivalen Slavia Sofia zwangsfusionieren musste, verließ Nikola Kotkow  daher den Verein und schloss sich Lewski Sofia an. Dort traf Kotkow unter anderem auf Aleksandar Kostow und Georgi Asparuchow, mit denen er in der Nationalmannschaft bereits erfolgreich zusammengespielt hatte. Obwohl er zum Zeitpunkt des Wechsels bereits 30 Jahre alt war, gelang es Kotkow schnell, sich einen Stammplatz in der Mannschaft zu erobern. Besonders hervorragend funktionierte das Zusammenspiel mit Asparuchov, mit dem sich Kotkow auch außerhalb des Platzes gut verstand.
Seine erste Saison im Lewski-Trikot verlief für Kotkow mehr als erfolgreich: mit 14 Toren war er zum einen bester Torschütze seiner Mannschaft und konnte außerdem das Double aus Meisterschaft und Pokal gewinnen.

In der folgenden Spielzeit lieferte sich Lewski mit ihrem Erzrivalen ZSKA ein erbittertes Duell um die Meisterschaft, die ZSKA schließlich aufgrund der besseren Tordifferenz gewinnen konnte.

Tragischer Tod

Am 30. Juni 1971, nur wenige Tage nach dem letzten Saisonspiel, kamen Nikola Kotkow und Georgi Asparuchow bei einem Autounfall ums Leben. Die Beerdigung der beiden Spieler wurde zu einem wahren Großereignis, dem mehr als eine halbe Million Menschen beiwohnten. Nie zuvor hatte ein Begräbnis in Bulgarien derartige Ausmaße angenommen, nicht einmal das Staatsbegräbnis des ersten kommunistischen Ministerpräsidenten Bulgariens, Georgi Dimitrow (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen bulgarischen Nationalspieler, der in den 1980er Jahren zur Stammelf der Nationalmannschaft zählte).

Auch Jahrzehnte nach seinem Tod lebt in Bulgarien die Erinnerung an Nikola Kotkow fort: sein ehemaliger Verein Lokomotive Sofia richtet in Gedenken an ihn das Nikola-Kotkow-Turnier aus, ein Turnier für Jugendmannschaften. Als die bulgarische Zeitung „Nachtarbeit“ Fußballexperten und Fans dazu aufrief, die besten bulgarischen Spieler des 20. Jahrhunderts zu wählen, landete Kotkow bei den Experten auf dem sechsten und bei den Fans auf den vierten Rang. Mit 163 Toren in 322 Spielen belegt Nikola Kotkow bis heute den siebten Platz der ewigen Torschützenliste der bulgarischen ersten Liga, hinzu kommen noch 10 Tore in 11 Europapokalspielen und 33 Tore in 59 Länderspielen (U-19, U-21 und A-Nationalmannschaft).

Marcel Grün, abseits.at

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