Auch wenn diese Partie einige Runden zurückliegt, wollen wir euch diesen Groundhopping-Bericht nicht vorenthalten. Der VfB Stuttgart traf Ende April auf Borussia Dortmund. Die... Reisebeicht: Des Abstiegsk(r)ampfs erster Teil
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VfB Stuttgart Wappen_abseits.atAuch wenn diese Partie einige Runden zurückliegt, wollen wir euch diesen Groundhopping-Bericht nicht vorenthalten. Der VfB Stuttgart traf Ende April auf Borussia Dortmund. Die Hausherren waren chancenlos und konnten sich aus dem Hinterland der Tabelle nicht befreien.

Der Heimverein

Der „Verein für Bewegungsspiele 1893 Stuttgart e.V.“ wurde 1912 durch den Zusammenschluss von zwei Sportvereinen, nämlich dem „Kronen-Club Cannstatt“ und dem 1893 gegründeten „Fußballverein 1893 Stuttgart“ aus der Taufe gehoben. Als Gründungsjahr wurde das Geburtsjahr des FV Stuttgart angenommen, was juristisch zwar korrekt, für Puristen aber wohl nicht so richtig passend ist – für die müsste es eigentlich 1912 lauten. Aber sei´s drum, wir wollen nicht kleinlich sein. Anfangs noch ein reiner Hobbyverein, mauserte man sich mit der Verpflichtung eines hauptberuflichen Trainers in den 1920er Jahren zu einem erfolgreichen Team, das zahlreiche Trophäen erringen konnte. Und bis heute blieb man in der Spitzenriege des deutschen Fußballs, mal erfolgreicher, mal weniger erfolgreich. Nur zwischen 1975 und 1977 musste man in die 2. Liga, es blieb aber bis heute bei diesem kurzen Absinken. Seit dem Wiederaufstieg wurde die Meisterschaft dreimal erspielt, 1984, 1992 und zuletzt 2007. Danach ging es innerhalb der Liga kontinuierlich bergab, die letzten beiden Jahre konnte der Abstieg nur knapp vermieden werden. Und auch heuer steht es nicht gut, man ist mit nur zwei Punkten Vorsprung auf Werder Bremen über dem Strich. Eine Situation zwischen Bangen und Hoffen unter den Fans, zumal nun ein Heimspiel gegen den schweren Gegner Dortmund ansteht.

Die Gäste

Ebendieser „Ballspielverein Borussia 09 Dortmund“, kurz BVB genannt, wurde 1908 unter ziemlichen Geburtswehen gegründet, als sich die Fußballsektion wegen Diskriminierungen gegenüber anderen Sportarten aus dem kirchlichen Sportverein „Dreifaltig“ verabschiedete und fortan ihren Sport alleine ausübte. Kam es bei der Gründung noch zu tumultartigen Szenen, wurden später jedoch auch noch die Sektionen Handball und Tischtennis eingegliedert. Der BVB erfreute sich bald wachsender Beliebtheit, nach und nach gewann der Verein mehr Mitglieder und in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde der Verein – wie auch viele andere Vereine zu dieser Zeit – zunehmend professionalisiert. Das mündete im ersten Gewinn der Meisterschaft 1948 und die Erfolgsgeschichte setzte sich fort. Der BVB mauserte sich zu einer der ersten Adressen im europäischen Klubfußball. Die erfolgreichste Zeit hatte man Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, da gewann man 1997 sogar die Champions League. Nach einer kurzen Flaute Anfang des neuen Jahrhunderts begann 2008 die legendäre „Ära Klopp“, der den Verein wieder zu alter Stärke führte, bis ein kurzer Durchhänger diese Ära 2015 beendete. Nun ist Thomas Tuchel am Ruder, der den Verein erfolgreich führt, allein die Übermacht der Bayern bisher noch nicht brechen konnte. Mit sieben Punkten Rückstand auf den Führenden und zwanzig Punkten Vorsprung auf den Dritten steht man in dieser Saison vier Runden vor Schluss als Vizemeister de facto fest, weder nach oben noch nach unten ist mehr viel möglich.

On The Road

Die Anreise ging grundsätzlich ohne gröbere Schwierigkeiten vonstatten, allein in Stuttgart war ein Weiterkommen wegen einiger Staus etwas mühsam. Dem Spiel wohnte ja wegen des Gegners und der Tabellensituation einige Brisanz für die Heimischen inne und entsprechend groß war der Andrang.  Gut, dass der Groundhopper mittleren Alters bereits eine Karte reserviert hatte, sonst hätte er den Weg wohl umsonst gemacht. Die Zufahrt war recht gut organisiert und das Stadion bereits ab der ersten Autobahn-Abfahrt angeschrieben, das zeigt dessen Bedeutung und die des Fußballs generell innerhalb der Kommune. Parkhäuser gab es auch genug, man merkte das Engagement des Autoherstellers, eine Anreise per PKW ist hier offenbar gewünscht und man ist darauf auch entsprechend vorbereitet.

Das Stadion ist nicht eines der größten Deutschlands, doch mit einem Fassungsvermögen von ziemlich genau sechzigtausend Menschen gut dimensioniert. Die Sicht ist wegen dem Verzicht auf eine Laufbahn aber sehr gut, auch auf den „billigen“ Plätzen (65.- € pro Karte sind ein doch recht stolzer Preis) kann man den Kickern gut auf die Beine sehen.

Das Spiel

Die Arena war wie gesagt ausverkauft, und ein guter Teil des Publikums bestand aus Auswärtsfans. Der Auswärtssektor war überfüllt und so mischten sich in den angrenzenden Sektoren Heim- und Auswärtsfans. Eine für den Groundhopper mittleren Alters ziemlich gewagte Mixtur, zumal von den BVB-Fans einige überhebliche, zum Teil höhnische und mitunter auch gehässige Gesänge zu hören waren. Die einheimischen Fans zeigten sich aber diszipliniert (oder apathisch) genug, um es zu keinen unschönen Szenen kommen zu lassen. Der Support war von beiden Seiten traditionell britisch angelegt, die (Sprech-)Chöre gut arrangiert und schon allein wegen der Lautstärke atmosphärisch sehr dicht. Die Heimischen waren stark bemüht, ihr Team zu pushen und die Mannen auf dem Rasen setzten anfangs das Vereinsmotto „furchtlos und treu“ gut um, mussten aber letzten Endes die Überlegenheit der Gäste auf eigentlich allen Positionen anerkennen.

Das Gebotene selber glich einem Europacup-Rückspiel bei dem es um nichts mehr ging – die Gäste ließen die Hausherren anfangs kommen und nachdem diese ihre Harmlosigkeit in den ersten zwanzig Minuten ausreichend unter Beweis stellen durften, spielten die Dortmunder dann auch mit und erzielten in der ersten Halbzeit zwei relativ einfache Tore. Der BVB, leichtfüßiger und auch schneller im Kopf, hatte mit dem VfB einfaches Spiel. Technisch und läuferisch überlegen, ließ man kaum Chancen zu und auch wenn die Heimischen dann und wann mal den Strafraum der Gäste besuchten, so kamen sie wegen ungenauer Flanken oder zu hastig gespielter letzter Pässe kaum zum Abschluss.

Was machten unsere ÖFB-Akteure? Martin Harnik spielte zu Anfang noch ambitioniert, nach dem ersten Gegentor merkte man ihm jedoch ein gewisses Frustpotential an und mit Fortdauer der Partie fand er sich wie seine Mannschaftskollegen mit der immer wahrscheinlicher werdenden Niederlage einfach ab. Florian Klein mühte sich nach Leibeskräften, hatte aber seine liebe Not mit Reus & Co, sah in einigen Aktionen nicht allzu gut aus. Seine Unterlegenheit gepaart mit der fehlenden mannschaftlichen Geschlossenheit ließ ihn nicht zur Geltung kommen, er blieb wie seine Mitspieler wirkungslos und fehleranfällig. Auch die Wechsel beim VfB brachten keine Änderung, zu drückend war die Überlegenheit der Gäste. So fing man sich in der zweiten Halbzeit dann auch noch das dritte Gegentor ein und hakte die Partie dann einfach ab. In der Tabelle war nicht viel passiert, durch vortägliche die Niederlage von Werder Bremen gegen den HSV wurde trotz des Null-Punkte-Spiels kein Boden verloren.

Conclusio

Dieser Stadionbesuch war ein Erlebnis – volles Haus, tolle Stimmung (zumindest bei den Gästefans) und ein technisch und taktisch hochqualitativer BVB – das konnte schon etwas und half, die Stau-Erfahrungen zu vergessen. Auch die Stadion-Infrastruktur ist gut und modern, in Deutschland wird die erste Bundesliga professionell zelebriert und das kommt bei den Fans auch an. Fazit: Stuttgart ist eine Reise wert.

Albert Weniweger, abseits.at

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Albert Weniweger